Clay Shirky, ein in einschlägigen Kreisen zu Recht berühmter Web-Intellektueller und Professor aus New York, hat jetzt gerade einen Essay über die Zukunft der Zeitungen; geschrieben: „Newspapers and Thinking the Unthinkable“.

Er vergleicht die Zeit um 2009 mit der Zeit um 1499: Das digitale Text-Universum des Web verdrängt jetzt gerade die Buchdruckkultur, wie damals nach Gutenberg der Buch- und Flugblattdruck die Mönche und Klöster verdrängte.

Shirky sagt, schlagwortartig zusammengefasst: Die Zeit der Zeitungen, wie wir sie kennen, ist vorbei. Aus zwei Gründen:

(1) Ihr Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. Früher wurden die Leitartikel und das Feuilleton und das Büro in Bagdad finanziert durch Kleinanzeigen und Werbe-Doppelseite für das neueste Automodell.

(2) Sie sind überflüssig geworden, weil die textförmige Information, die sie früher exklusiv vermittelten, jetzt überall im Web zugänglich ist. Es ist wahr, dass hier wertvolle Strukturen der Kritik und Meinungsbildung und vielleicht sogar ein ganzer Pfeiler der demokratischen Gesellschaft wegbricht, aber so ist es eben. Wenn wir die demokratische Gesellschaft retten wollen, müssen wir Experimente vorantreiben, nicht Experimente verhindern.

Was kommt also heraus, wenn man in Clay Shirkys Essay den Begriff „Zeitung“ konsequent ersetzt durch „Bildungssystem“? Wenn man wie er das Undenkbare probeweise einmal denkt und hinschreibt? Denn eigentlich muss uns allen ja klar sein: Der digitale Umbruch wird jetzt revolutionäre Folgen für unsere Lern- und Wissensordnung haben. Genauso wie der Buch- und Flugblattdruck das Schul- und Bildungssystem des Mittelalters in wenigen Jahrzehnten vollkommen zerstörte.

Das Web gibt es seit 20 Jahren. Es ist eigentlich recht wahrscheinlich, dass wir in weiteren 20 Jahren unsere Schulen, unsere Universitäten, unsere „berufliche Weiterbildung“ nicht mehr wiedererkennen werden. Ob ich das glaube? Nun, ich bin ein grauhaariger Mönch, der staunend zusieht, wie sich alles ändert. Es fällt mir fast genauso schwer, mir den kommenden Umbruch vorzustellen, wie es einem Banker noch 2008 schwer gefallen ist sich vorzustellen, dass das Weltfinanzsystem zusammenbricht.

Im Folgenden habe ich ein paar Passagen aus Shirky’s Essay übersetzt und auf das Bildungssystem bezogen. Nur aus Neugierde, um zu sehen, was herauskommt, wenn man versuchsweise das ausspricht, was undenkbar und offensichtlich zugleich ist:

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