Archive für Beiträge mit Schlagwort: schule

(In der TAZ vom 7.12.2011 etwas gekürzt unter dem Titel: Das Buch verdunstet in der Wolke“. Nachtrag: Jetzt gibts den Artikel doch noch online bei der taz, aber Diskussion geht nur hier.)

Tintenkiller

Eigentlich wurde die Gutenberg-Galaxis ja schon vor 50 Jahren für beendet erklärt, als das Fernsehen Leitmedium wurde. „Ein Abgrund öffnet sich zwischen der zurückgeblieben Welt der Klassenzimmer und der neuen Welt der elektronischen Medien zuhause“, schrieb Marshall McLuhan 1967. Das elektronische Zeitalter sei angebrochen: Fernsehen und elektronisch angetriebenen Print-Magazine liefern Bilder und „sekundäre Mündlichkeit“, der Computer (damals noch zimmergroß) prozessiert das Wissen. Information im Überfluss, gleichzeitig und für alle. Öffnung des Spielfelds, Verlust der Privilegien, Global Village.

Tatsächlich änderte sich dann in den Klassenzimmern aber gar nicht viel. Bis heute blieb es im Prinzip bei dem System, das sich Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit der industriell-bürokratischen Organisation herausgebildet hatte: Der Lehrer ist das Medium. Die Schule hat das Wissensmonopol. Wer nicht mitkommt, ist selber schuld.

1900 war diese Schule noch ein hochmodernes Medium. Mein Großvater wurde geboren als der siebte Sohn einer Oberpfälzer Bauernfamilie und starb als promovierter Leiter der lebensmittelchemischen Untersuchungsanstalt in München. Ein angesehener Bürger. Für ihn war die Schule der einzige Weg, Teil der industriellen Wissensgesellschaft zu werden. Ein Ort der Befreiung, trotz Prügel, Notenterror und Frontalunterricht.

Heute wird nicht mehr geschlagen, aber die Schule als Medienraum hat sich kaum verändert. Es ist gespenstisch. Ich selbst bin von 1966 bis 1978 zur Schule gegangen. Der heutige Unterricht meiner Tochter auf einem renommierten bayerischen Gymnasium gleicht bis ins Detail meiner damaligen Schulzeit. Als hätte man die Zeit eingefroren. Nur die neue Latein-Mode und Abiturfeiern mit Tanzkurs und Abendkleid hätten wir damals seltsam gefunden. Medienrevolution? Die gab es nur draußen in der Popkultur. In der Schule stellte man mit ebenso teuren wie erfolglosen „Sprachlaboren“ das Klassenzimmer um 1900 nach, nur noch rigider: jede/r SchülerIn abgekapselt, mit Mikrofon, Kopfhörer und zentralem Schaltpult für die einzelnen Kanäle.

Tatsächlich stammen die bis heute neuesten Schulmedien aus dieser Zeit: Overhead-Projektor und Fotokopierer. Das sind Lehrer-Medien. Und welche neuen Technologien gab es, die die Schüler ermächtigen? Nur den Tintenkiller (seit 1972). Immerhin, der wurde ständig verbessert: Meine Tochter killert ganze Seiten rückstandsfrei weg und schreibt sie neu. Damals bei uns war jede Korrektur noch eine Riesensauerei.

Verkehrte Welt: Heute liegt das Wissen draußen in der Luft. Mit einem Klick kann jede/r auf jeden Wissensbestand in Echtzeit zugreifen. Drinnen sind die Handys ausgeschaltet, damit die Schüler nicht mal eben googeln können, wie dieser Teil des Auges heißt, der der Akkomodation dient („Ciliarkörper“, sagt Wikipedia.) Hefte weg, Extemporale! Für immer Feuerzangenbowle.

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World Wide Text

Trotzdem hatte McLuhan Recht. Die Medienkultur-Revolution brauchte ihre Zeit, bis sie endlich die Wissensspeicher öffnete und alle die kafkaesken Torwächter überflüssig machte, die da Unbefugten den Zutritt verwehren. Hauptgrund für diese Verzögerung ist, dass das wichtigste Medium des Wissens weiterhin Text bleibt: Fixierte Zeichen, abgelöst von den Urhebern und von der sinnlichen Wirklichkeit. Eine abstrakte Welt für sich. Daran hat sich in der digitalen Ära grundsätzlich nichts geändert. Und es dauerte eine Weile, bis auch der Text von der elektronischen Revolution ganz erfasst wurde.

Zuerst wurde Schrift-auf-Papier immer schneller und flüchtiger: Offsetdruck, Fotodruck, Kopien, elektronische Manuskripte, elektronischer Satz. Doch der eigentliche Einschnitt kam erst durch die Digitalisierung: PC, e-Mail, Web 2.0, iPhone. Die allgegenwärtige magische Seite, auf der jeder Textausschnitt sofort erscheinen kann. Und das „Read/Write Web“, wo jeder jeden Textschnipsel sofort öffentlich machen und verknüpfen kann.

Die Google-Galaxis shreddert alle starren Textblöcke. Das Wissen kommt in Fluss. Seitdem kann jede/r Texte finden, kopieren, bearbeiten, schreiben, verbreiten, teilen und kommentieren, jetzt und sofort. Ein Text-Universum, das nicht mehr aus Büchern und Aufsätzen besteht, sondern aus kurzen Paragraphen. Small pieces loosely joined.

Immer noch sind alfabetische Texte der Grundstoff, der alles zusammenhält. Auch Multimedia ist eingebettet in Buchstaben, Sätze, Texte. Und inzwischen bekommen selbst audiovisuelle Medien Textcharakter: Man kann sie in kleine Sequenzen zerlegen, beliebig ansteuern, wiederholen und kopieren. YouTube-Videos betrachtet man nicht mehr wie einen Kinofilm: Diese digitalen Bild-Sequenzen werden eher aktiv „gelesen“ als passiv rezipiert.

Das alles muss man lernen, um sich in der neuen Welt zu bewegen wie ein Fisch im Wasser. Vor 100, 150 Jahren leistete die Schule das, so gut es damals eben ging. Aber heute?

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Digitaler Klimawandel: Wie geht Lernen in der Wolke?

Wir stehen in einem digitalen Klimawandel: Das Netz ist kein „Speicher“ mehr, keine Bücherei, kein Archiv und keine „Datenbank“, aus der dann lange haltbarer „Wissensstoff“ in Container verpackt und über „Datenautobahnen“ ausgeliefert wird. Das neue, soziale Internet lässt sich eher als ein riesenhafter Wasserkreislauf beschreiben.

Ein Buch ist in der Google-Ära nichts Festes mehr: eher so etwas wie eine vorübergehende Ballung von flüssigem Wissensstoff. Es ist kein Zufall, dass Flüssigkeits-Metaphern seit dem Web 2.0 allgegenwärtig sind: Winzige Wissens- und Informationspartikel („microcontent“) ballen sich zur „Cloud“. „Drop.io“ hieß ein populärer Cloud-Speicherservice. Die Tropfen vereinen sich zu Rinnsalen („flows“), die Rinnsale zu Strömen („streams“), die sich sammeln in Tümpeln und Seen („pools“).

Und weil dieser globale Informationskreislauf immer schneller wird, verdunsten und verdampfen diese Pools viel schneller als früher: Die Luft ist gesättigt mit winzigen Wissens- und Informationsspartikeln, die als Info-Tropfen herabregnen, jeder so klein wie ein Blick auf einen Bildschirm. Wie eine einzelne Aufmerksamkeitsspanne.

Tatsächlich war das früher gar nicht viel anders: Lernen bedeutete noch nie „Speichern“. Alle Erwachsenen berichten ja, dass sie sich an den „Stoff“ kaum mehr erinnern können. Wissen war schon immer mehr Prozess. Eine Kettenreaktion: Man eignet sich Material an, das eine/n weiterbringt. Nur solange dieser Prozess relativ langsam verlief, konnte man sich einreden, Wissen sei so etwas ein gesicherter „Schatz“, den man in 10, 15 Jahren anspart, um dann als Erwachsene/r das berufliche Leben darauf zu gründen. Das ist vorbei: Jede/r spürt jetzt die Dynamik.

Es ist klar, dass das nicht ohne Folgen für das Lernen bleiben kann: Wissen, das nicht ständig im Umlauf ist, ist jetzt schon vergessen. Wissen, das nicht ständig benutzt und angeeignet und bearbeitet wird, ist jetzt schon vergessen. Und dafür brauchen wir die digitalen Netz-Medien.

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Die Welt ist flach

Das ist keine abgehobene Vision, das ist nackte Notwendigkeit. Wir können es uns schlicht nicht leisten, dass wir unsere Kinder künstlich von einer Medien- und Wissenswelt isolieren, die nicht mehr der Westlichen Welt vorbehalten ist. „Die Welt ist flach“ heißt ein Buch des New York Times-Autors Thomas L. Friedman über die Auswirkungen der Globalisierung und des Internet. Gemeint ist: Das ökonomische Spielfeld ist eingeebnet, es gibt keine dauerhaft privilegierten Nischen mehr. Positiv ausgedrückt: Alle können mitspielen. Negativ ausgedrückt: Man muss immer in Bewegung bleiben.

Das gilt global, aber auch regional und sozial: Ein Schulabbrecher in einem Dorf im Bayerischen Wald kann sich heute selbst zum Web-Programmierer auf Weltniveau weiterbilden, der täglich mit den Besten seines Faches im Kontakt steht. Eine kleine Spezialfabrik, die die neuesten Technologien verwendet und den bürokratischen Apparat einspart, kann ihre Produkte in ganz Europa vertreiben. Und umgekehrt: Alle, deren Geschäft auf knapper, exklusiver Information beruht, stehen auf Treibsand. Wüsten breiten sich aus, Gletscher schmelzen ab.

Friedman stellt eine Sekretärin und alleinerziehende Mutter vor, die es schaffte, immer dann in ein neues berufliches Feld zu springen, wenn ihr alter Job wegrationalisiert wurde. Ihre Erfahrungen verallgemeinert er zur Maxime für lebenslange LernerInnen. Frei übersetzt: „Sei immer ExpertIn für drei Felder. Das erste Feld ist das, was jetzt gerade dein Brot-und-Butter-Geschäft ist. Dazu musst du immer ein zweites Kompetenzfeld entwickeln, das mit dem ersten verwandt ist, so dass du leicht wechseln kannst, wenn es nötig wird. Dann sollte es noch ein drittes Feld geben: Etwas ganz Anderes, ein entfernteres Ziel, dass du bereits jetzt ansteuerst. Und sei dir zugleich klar, dass sich diese drei Felder alle paar Jahre ändern werden.“

Das ist die anstrengende Lebensperspektive, für die wir alle LernerInnen, von der Hauptschule bis zur Universität, vorbereiten und unterstützen müssen. Ist unser Bildungssystem dem gewachsen?

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Geldkrise, Zeugniskrise, Digitale Krise

Die lehrer-zentrierte und stoff-fixierte Schule von heute funktioniert nicht mehr. Sie muss anders werden, jetzt, in den nächsten Jahren. Aber wird sie sich wirklich ändern? Eher nicht, ist man geneigt zu sagen. Wie auch? Das Geld reicht ja noch nicht einmal, um Schuldächer abzudichten und Stundenausfall zu verhindern. Und wer sollte eine grundlegende Reform treiben? Alle Beteiligten halten ängstlich fest am Status Quo. In den Debatten über das Bildungssystem geht es nie um die Schule-wie-sie-ist, sondern immer nur um die Beschwörung von Glaubenssätzen, die das jeweils eigene Weltbild stützen. Und die SchülerInnen selbst haben keine Lobby.

Eine gemeinsam geplante und geschlossene Schulreform wird es also nicht geben. Alle grundlegenden Änderungen werden erzwungen sein. Drei starke Sachzwänge sehe ich, die das bewirken können:

Erstens die Geldkrise. Man wird nicht „mehr Geld in die Bildung“ geben, sondern weniger. Viel weniger. So schmerzhaft wenig, dass aus reiner Not Veränderungsdruck entsteht. Vielleicht werden darum die Schulen von morgen gerade in den verödenden ländlichen Regionen entstehen, wo der Schmerz am größten ist.

Zweitens die Zeugniskrise. Während SchülerInnen und StudentInnen wertvolle Lebenszeit mit dem sinnlosen Büffeln von Stoff für Multiple-Choice-Prüfungen verschwenden, geht deren Wert mehr und mehr gegen Null. In der neuen, flachen, digitalen Welt gibt es keine Lebenszeit-Arbeitsplätze in großen Beton-und-Glas-Organisationen mehr. Immer mehr werden in ständig wechselnden „Projekten“ arbeiten. Um aber diese Art von flexibler Arbeit zu bekommen, hilft ein gutes Zeugnis gar nichts.

Das sind zwei negative Sachzwänge. Positiv steht dem nur Eines entgegen: Die emanzipatorische Kraft der neuen digitalen Netz-Medien.

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Benutz die Tools, dein Kopf wird folgen
Als Dr. phil. habil. der Literaturwissenschaft habe ich 40 Jahre meines Lebens an Schulen, Universitäten, Schreibtischen und in Bibliotheken verbracht. Aber als ich seit 2000 zuerst Google und dann das „Web 2.0“ am eigenen Leib miterlebte, wußte ich: Das ist es. So hätten sich Wissenskreisläufe, so hätte sich die Gemeinschaft der Wissenwollenden immer anfühlen sollen. Und niemand hat das geplant und didaktisch verantwortungsvoll festgelegt. Es ist das Design, das das Bewusstsein schafft: Software Design, User Experience Design, User-centered Design. Eine neue Kulturtechnik. (Es gibt nicht mal gute deutsche Ausdrücke dafür.)
Und gerade erst jetzt ist diese Technik reif für den Schul-Einsatz. Erst jetzt kann sie ein/e SchülerIn als direkte Verlängerung des eigenen Wissensdrangs benutzen. Erst jetzt braucht man keine „Computerräume“ mehr, erst jetzt richten keine Laptop-Bildschirme mehr Barrieren auf, die den Austausch behindern. Und erst jetzt gibt es Alternativen zur QWERTZ-Schriftlichkeit, die ja immer nur ganz Wenigen in Fleisch und Blut übergeht.
Seit kurzem gibt es vier elementare Technologien, vier digitale Tools, die sich gegenseitig ergänzen. Wenn man sie vernetzt und allen SchülerInnen in die Hand gibt, können sie Lern- und Wissensprozesse von Grund auf ändern:
Erstens ein Tablet-PC wie das iPad. (Für das gemeinsame Arbeiten im Internet-Modus: sammeln, anreichern, organisieren, remixen, eigene Objekte daraus machen, diese wieder teilen, usw.)
Zweitens ein kleines, mobiles Netz-Gerät wie das iPhone. (Für schnelle Schwarmkommunikation, für die Zirkulation von Mikro-Informationen und um an reale Orte und Dinge digitale Informationen zu heften.)
Drittens ein digitaler Stift mit Audio-Aufnahme wie der LiveScribe. (Schreiben mit der Hand, das weder „Hefteintrag“ noch nostalgische Kalligraphie ist. Ein magisches Gerät zum Mitnotieren, Aneignen, „visuellen Denken“. Eine Brücke zwischen analoger und digitaler Welt.)
Viertens ein eBook-Reader wie der Kindle. (Purer Text in schwarz-weiß, ohne Netz und Multimedia-Sperenzchen: konzentriertes Lesen, Markieren, Annotieren, Teilen von Stellen und Gedanken. Und nicht nur vorgefertigte „Schulbuchtexte“: Selbst Erarbeitetes wird mit einem Klick ins Buch-Format verwandelt.)
Zusammen kostet das derzeit (!) noch ca. 450 Euro pro SchülerIn und Jahr, bei Abschreibungsdauer von zwei Jahren und ohne Mengenrabatt. Dafür spart man sich: Fotokopien, Papier-Bücher, Beamer, Smartboards, Computerräume. Die Didaktik ist quasi eingebaut: Allein durch den Gebrauch entsteht aus diesem Tool-Bündel ein ganz neues Ökosystem. Flüssiges Lernen kristallisiert aus zu festem „Wissen“, das wieder verflüssigt wird – und wieder, und wieder.
Das ist so unaufhaltsam wie PC und E-Mail. Früher oder später wird dieser Kreislauf an die Stelle der alten, einsinnigen Medien treten, die bis jetzt die Schülerhirne prägen: Füller, Buch und Tintenkiller, fliegende Kopierzettel und die Lehrerstimme, die niemals schweigt. Nach der Schulaufgabe ist vor der Schulaufgabe. Jahre, Jahrzehnte lang. Und vier Wände, die eine Welt draußen halten, die sich derweil rasend schnell verändert.
(Ungekürzte Version des Papier-TAZ-Artikels vom 7.12.2011, der dort unter dem Titel „Das Buch verdunstet in der Wolke“ erschienen ist.)

Seit dem Wochenende gibt es ein Wiki, das ein deutschsprachiges Gegenstück zur „Hacking Education“-Tagung entwickeln soll: http://wwweblern.pbwiki.com Eine selbstorganisierende Konferenz sozusagen, die Mitte Oktober stattfinden soll. Jede/r ist aufgerufen, Ideen und Namen beizusteuern. Die spontane Resonanz innerhalb von 12 Stunden war erstaunlich groß. Was ist der Hintergrund?

Vor einem Monat trafen sich in New York ca. 30 Leute zur Tagung „Hacking Education„. Eingeladen hatte der Start-up-Finanzinvestor („venture capitalist“) und Blogger Fred Wilson. Gekommen waren Gründer von software-getriebenen Weblern-Firmen und ein paar kreative Weblern-Experten und Lerntheoretiker von den Universitäten. Eine geschlossene Diskussionsveranstaltung, acht Stunden lang. (Die Themen sind hier.)

Die Kernsätze wurden via Twitter sofort ins Web gestellt, in Echtzeit, versehen mit dem Kennwort #hackedu (hier kann man alle nachlesen), und sie hatten dort sofort eine enorme Resonanz. Als ob alle darauf gewartet hätten, dass man sich von den gewohnten Bildungs-Diskursen endlich einmal löst und sich unvoreingenommen und radikal fragt, was das bedeutet: „Bildung im Zeitalter des Web“. Seitdem kursieren im Web eine ganze Reihe von Thesen und Kernsätzen, alle nicht länger als 140 Zeichen … Das Transkript der Diskussionen soll bald veröffentlicht werden.

Wieso „Hacking“? Kann das auch etwas Positives sein?

Wenn „Hacken“ so gebraucht wird, wie das OpenSource-Programmierer und MIT-Studenten seit langem tun, bedeutet es: Kreative, unkonventionelle, technisch versierte und lose vernetzte „Einzelkämpfer“ funktionieren spielerisch ein vorhandenes kompliziertes und geschlossenes System für eigene Zwecke um. Das System wird geöffnet. Seine Kraftquellen werden angezapft, die Möglichkeiten anders genutzt als vorgeschrieben.

Dabei setzen „Hacker“ möglichst einfache Mittel so geschickt ein, dass sie maximale Wirkung erzeugen. In diesem Sinn hat etwa Tim Berners-Lee mit der Erfindung des World Wide Web, eigentlich ein Bündel relativ simpler Protokolle und Technologien, das große Internet „gehackt“. In diesem Sinn ist Linus Torvalds, der Inspirator von Linux, ein „Hacker“. Ward Cunningham, Erfinder des Wiki, ist ebenso Hacker, wie Dave Winer, der Blog- und Feed-Pionier. Und natürlich Biz Stone und Evan Wlliams, die zuerst 1999 „Blogger“ und dann 2006 „Twitter“ eher bastelten als im herkömmlichen Sinn der großtechnischen IT „entwickelten“.

Im Mittelpunkt des „Hacker Ethos“ [hier ist ein Zitat] steht – ein bisschen verschwommen, aber doch gut erkennbar – der freie, selbstbestimmte, kreative, spielerische und unternehmungslustige Einzelmensch. Eher nicht Kapitalisten, deren Lebensinhalt Geld ist, sondern Leute, die ihr Hobby wie einen Beruf betreiben. Oder umgekehrt. Die „Web 2.0 Venture Capitalists“ wie Fred Wilson oder Paul Graham sind dann Leute, die ihr kapitalistisches Know-how einsetzen, um solche Start-ups zu fördern. (Das wird ohnehin das Resultat der KRISE sein: Viel mehr kleine, vogelfreie, knapp bezahlte Aktivitäten, aber die dafür mit Überzeugung und stark vernetzt [#].)

Das ganze „Web 2.0“ wird von diesem Hacker-Geist getragen und getrieben. Begriff und dahinterstehende Haltung lassen sich leicht auch auf Inhalte übertragen: Blogger und Microblogger „hacken die Medien“, d.h. sie funktionieren das Mediensystem um.

Was also heißt dann „Hacking Education“, die Bildung hacken? Es bedeutet eine radikal andere sPerspektive, die/den einzelne/n LernerIn radikal in den Mittelpunkt stellt. Nicht den Nutzen, den sich das System vom Lernen/Lehren verspricht, nicht die Perspektive der Lehrenden, sondern „die Nutzer“ selbst. Genau so wie im Web immer schon die/der Einzelne im Zentrum steht: Die leere Google-Seite als Schnittstelle zum Weltwissen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Eine unfassbare Revolution.

Die Bildung hacken: Tafel 2.0 und Web 2.0

(1) Das alte Bildungssystem „hacken“, das heißt seine eigenen Mittel besser zu kennen und zu beherrschen als das System selbst und es dann umzufunktionieren. Wie ein Hip-Hop-DJ den Plattenspieler umfunktioniert. Genau das passiert, wenn Lehrer eine Methode entwickeln („Lernen durch Lehren“, LdL), die Schüler nacheinander an die Tafel stellt und dann die ganze Stunde lang das Klassengespräch moderieren lässt. Die Lerntechnologie selbst ist hier alt: Klassenzimmer, Stuhlreihen, Tafel und Kreide. Aber diese Technologie wird „gehackt“: „Tafel 2.0“ sozusagen. Es ist daher völlig folgerichtig, dass diese Tafel-und-Kreide-Hacker sich jetzt gerade im Web (YouTube-Video) als ein sehr lebendiges und offenes Netzwerk organisiert haben. Obwohl sie im Unterricht erst einmal gar kein Web einsetzen. (Der Informatiker/Mathematiker Christian Spannagel, der im Video erzählt, ist eine treibende Kraft.)

(2) Und man kann die neuen Technologien, d.h. das bereits gehackte Web gezielt einsetzen, um das Bildungssystem umzufunktionieren. Wenn Universitätslehrer die offizielle Universitäts-IT umgehen und sich selbst Wikis einrichten (z.B. hier von Herbert Hrachovec) oder mit den Studenten auf öffentliche Blog-Plattformen ausweichen (wie Heinz Wittenbrink in Graz [#]). Und es geschieht auch dann, wenn das berufliche Weiterbildungssystem über das Web kurzgeschlossen wird. Die Programmierer machen das ja schon immer. Aber inzwischen man kann sich im Web eigentlich schon sehr viel besser das Wissen für einen MBA (Master of Business Adminstration) aneignen als in den teuren MBA-Studiengängen, die überall angeboten werden wie saures Bier. Das Problem ist dann natürlich das Zertifikat. Die Manager brauchen das, noch. In unserer Wirtschaft regiert immer noch die Streber-Mentalität. (Übrigens auch bei Google, wie gerade jetzt heiß diskutiert wird.) Ein guter Web-Programmierer braucht das nicht, er zeigt seine Projekte vor. Dagegen gibt es noch keine eingeführte Form, anderen zu zeigen, dass man ein „Web-MBA“ *ist*, d.h. nicht nur „gemacht hat“.

Vor vielen Jahrzehnten war die Schule das Web

Der Campus, der Schulhof, die Bibliothek, auch das bürgerliche Bücherregal der privilegierten Schüler: Das ist heute alles das Web. Ob es einem passt oder nicht. Und damit ändert sich auch dann alles, wenn man am bestehenden Bildungssystem gar nichts ändert. Die alte Hardware/Software für Lernen waren Gebäude, Flure, Räume mit eingebauter Blickrichtung, Stundenpläne, eine künstlich zugespitzte Aufspaltung in Experten und Nichtswisser. Und lange Zeit war dieses System bei allen offensichtlichen Mängeln (und Schüler und Studenten aller Generationen kannten die sehr gut) eine effektive Maschine. Es gab keine andere. Die einzig mögliche Technologie um Wissen zu formalisieren, zu verteilen und weiterzuentwickeln.

Für meinen Großvater, achter Sohn eines Oberpfälzer Bauern, war die Höhere Schule selbst so etwas wie das heute das Web: Zugang zum Weltwissen. Ein (wenn auch sehr unvollkommenes) Trainingscenter für Schreiben, Rechnen, Reden. Und ein Ort der Freiheit: Nicht arbeiten müssen bis man todmüde ins Bett fällt. (Die Netz-Infrastruktur dafür waren damals Elektrizität, die Telegraphie und das Eisenbahn-Netz.) Dafür wurden dann auch autoritäre, prügelnde Pauker in Kauf genommen.

Die damals brandneuen Reclam-Heftchen waren Google, die Studentenverbindung war das soziale Netzwerk. Für mein jugendliches Selbst war dann sehr viel später die Post-68er-Universität so etwas wie heute das Web: sehr freies Studieren, Suhrkamp-Taschenbücher, „Wohngemeinschaften“ und „Studentenkneipen“ für vernetztes „Diskutieren“, eine Bibliothek, in der man Bücher nach 15 Minuten bekam. In mancher Hinsicht ein Luxus: Es gab Zeit, es gab Geld, das Wissenssystem war geöffnet worden, aber die bürgerliche Bildung lieferte noch fossilen Brennstoff. Wenn man Glück hatte, konnte die Uni damals großartig sein. (Oft passierte aber auch gar nichts.) Es gab noch keine MultipleChoice-Prüfungen, die das geistige Vakuum ersetzen müssen. Eine vergangene Epoche.

Die Bildung hacken

Heute kann ich ganz gut Englisch, aber nur weil ich es nach ein paar Jahren im Web viel besser gelernt habe als in 9 Schuljahren. Lustigerweise auch viel besser reden, obwohl ich im Web nur lese und schreibe. Meine Wissensquellen sind fast nur englisch, auch die Bücher. Heute würde ich gern Mathematik können, weil ich gerne Programmieren können würde, aber ich habe in der Schule sehr wenig gelernt. Heute muss ich in gewisser Hinsicht auch ganz neu schreiben und lesen lernen, weil ich alles nur noch über den Bildschirm mache. (Worauf mich die Pop-Kultur der 1980er übrigens sehr viel besser vorbereitet hat als das Bildungssystem.)

Die Zeit der Schulen, Universitäten und Weiterbildungs-Institutionen wie wir sie kennen, ist vorbei. Nur die werden künftig Erfolg haben, die sich als Katalysator für Weblernen & Selbstlernen verstehen. Daneben bildet sich eine digitale Schattenwirtschaft heraus. Ein OpenSource-Bypass für das versteinerte Herz des Bildungssystems.

Das ist die Lage. Das ist die logische Entwicklung. Und das ist der konkrete Ausgangspunkt, um das einmal auch in Deutschland zu diskutieren, öffentlich im Web: Hacking Education. Die Bildung hacken. Auseinandernehmen, neu zusammensetzen, und mit kleinen Eingriffen umprogrammieren.

Das Projekt haben Basti Hirsch und ich am letzten Wochenende uns ausgedacht und angestoßen. Am Samstag waren wir noch zu zweit, am Sonntag haben wir das fast leere Wiki öffentlich gemacht, jetzt ist es schon eine kleine Community. Die spontane Resonanz war verblüffend. Es wird also irgendeine Veranstaltung geben, Mitte Oktober. Zugleich im Web und im Körper-und-Stimmen-Raum. Ich bin selbst gespannt, was das wird. Bleiben Sie dran.