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Selbstlerner sind arme Schweine. Nichtlernen ist in unserer Gesellschaft ja ein eingefleischter Reflex, wie Alkoholismus. Unser Bildungssystem baut auf Fremdlernen auf: „Hier bekommen Sie gelernt.“ Das hat Folgen, die jeder von uns spürt, und eben nicht nur die armen PISA-Verlierer.

Gedankenspiel: Was wäre, wenn wir uns in Online-Selbsthilfe-Communities organisieren würden? Wenn wir uns als Anonyme Nichtlerner begreifen, wie die Anonymen Alkoholiker, deren Graswurzel-Regelwerk (12 Traditionen) übrigens hochsympathisch ist? (Und hier sind AA-Comics von 1970.) Wenn man das Pathos einfach selbstironisch übernimmt? Dann käme in etwa Folgendes heraus:

Präambel:

Wir wollen Vieles lernen, und lernen am Ende doch weniger als wir hoffen und wollen.

Wir investieren viel Zeit und Geld in formale Bildung und Weiterbildung und sind am Ende doch immer enttäuscht, wie wenig uns das nützt.

Wir finden Vieles faszinierend, aber allein kommen wir schlecht weiter. Ständig verlieren wir den Faden.

Als Nicht-LernerInnen sind wir isoliert und verwirrt. Wir sind in der Gruppe, weil wir uns gegenseitig helfen wollen, die eigene Isolation und Verwirrung zu überwinden.

Wir wollen lernen, aber nach unseren eigenen Bedingungen, nach unseren eigenen Bedürfnissen.

Dafür stehen die 10 Traditionen der Anonymen Nichtlerner:

1. Die Gruppe besteht aus Kommunikationen. Die Gruppe ist ein Lebewesen. Ein lernendes Netzwerk. Wenn die Gruppe am besten lernt, lernt auch jede/r einzelne am besten.

2. Sei enthusiastisch. Sei freundlich. Sprich und schreib immer mit deiner eigenen Stimme: entspannt, direkt.

3. In der Online-Gruppe verwenden wir grundsätzlich Nicknames,ob wir uns ‚draußen‘ kennen oder nicht. Sie geben uns die Freiheit, dumm dazustehen.

4. Frag dich bei jeder Gruppenkommunikation: Was ist der einfachste nächste Schritt, der jetzt gerade gehen könnte (gedanklich oder als Arbeitsschritt)? Wie bringe ich unser Lernprojekt hier nach vorn mit dem, was ich jetzt sage/schreibe/tue?

5. Ideen darf man immer einfach hinschreiben. Trau dich, offen und abseits der üblichen Pfade zu denken. Sei spontan, hab keine Angst vor Irrtum. Keine Rechtfertigung dafür nötig.

6. Wir sind jetzt ein Team mit einem gemeinsamen Projekt, das täglich in einem gemeinsamen (Web-)Arbeitsraum arbeitet – immer solidarisch nebeneinander, so oft es geht miteinander.

7. Versuche, an 5 von 7 Wochentagen Lebenszeichen zu twittern, die sich auf das gemeinsame Lernprojekt beziehen: Jammer- und Freudenlaute, flüchtige Gedanken, Links, Ermutigungen, freundliche Kritik … was immer.

8. Bezieh dich auf die anderen. Verwende Links zu Gruppen-Statements und Gruppen-Inhalten, so oft es irgendwie geht.

9. Das Netzwerk ist der Mehrwert. Niemand ist der Boss. Wir übernehmen reihum und abwechslend die Gruppenfunktionen.

10. Das Ziel der Gruppe ist es, am Ende ein gemeinsames, greifbares, öffentliches Stück Wissen hergestellt zu haben. —

So, und jetzt noch die 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker lesen:

„2. Schritt
Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.“

Das wäre dann ja wohl das Web. Die Cloud. Amen.

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Wenn uns eine Kristallkugel zeigen könnte, welche Form im Jahr 2019 Lernen/Weiterbildung in den Unternehmen & Organisationen angenommen hat, was würden wir sehen?

Welchen Mix aus informellem Selbstlernen und Schulungen? Welche Rolle werden dabei „Klassenzimmer“ spielen? Welche Rolle wird das Web spielen, diesseits und jenseits der Firewall? Und welche Rolle werden die beiden zentralen Formen von „e-Learning 1.0“ spielen: also zum einen CBTs/WBTs und zum anderen elektronische Klassenzimmer-mit-Online-Prüfung?

Das war die Big Question, die das LearningCircuit-Blog im März den nordamerikanischen eLearning-Professionals gestellt hat. [Link]

Der kanadische eLearning-Veteran Saul Carliner (danke an Jochen Robes für den Link) kritisiert jetzt die Mehrheit der Experten, die sagt, dass die Zeit herkömmlicher Schulungen vorbei ist und „informelles Lernen“ und Weblernen an ihre Stelle tritt. (In Wahrheit sind deren Antworten deutlich komplexer, aber klammern wir das an dieser Stelle einmal aus).

Carliner sagt, es werde weiterhin ebenso viele herkömmliche Schulungen geben wie bisher, weil Lernen-durch-Bloggen als Grundansatz nicht funktioniere. Darüber dann im nächsten Blogpost hier. Hier erst einmal nur die Antwort auf die Frage des Learning Circuit Blog. Wie wird es 2019 sein?

Tatsächlich denke ich, dass zwei widersprüchliche Antworten richtig sind. Und sie entsprechen ungefähr einem Intranet-LMS-Szenario und einem Web 2.0-Szenario:

(1) Es wird alles so ähnlich bleiben wie es ist, weil sich eingefahrene Strukturen immer nur dann ändern, wenn alles zusammenbricht.

In stabilen Organisationen wird die Weiterbildung 2019 der von heute in etwa so gleichen wie die Weiterbildung von 2009 der von 1999 gleicht — trotz neuer Tools und deutlich mehr Webarbeit. Ähnliche Strukturen, ähnliche Schulungen, ein paar technische Änderungen. Dieses Szenario ist wahrscheinlich bei den (welchen?) Organisationen, die relativ immun bleiben gegen den radikalen äußeren Wandel: d.h. fürsich bestehende Bürokratien und große verwaltungsorientierte Organisationen, sofern sie einigermaßen freigestellt sind vom permanenten Kostendruck der neuen „flachen Welt“. (Es kann sein, dass Schulen und Universitäten als Verwaltungsapparate für „Lernen“ hier noch dazugehören.) Wenn wir großes Glück haben, lernt man dort aus den vielen heutigen Fehlern und macht die Präsenz-Schulungen bis dahin immer besser (das geht, natürlich).

(2) Es wird alles ganz anders sein als jetzt, weil wir die meisten Unternehmen und Organisationen kaum mehr wiedererkennen werden.

Weil die große Idee des letzten Jahrhunderts am Ende ist: eben die „Organisation“ wie wir sie kennen, d.h. gemeinsame Büroarbeit in riesigen Gebäuden, Abteilungen, Fluren und Büros mit festen langfristigen Arbeitsplätzen, aufwändigen Plänen, Stechuhren und täglichem Kantinenessen-Anschlag.

Lernen wird 2019 viel allgegenwärtiger und kurzatmiger sein als es jetzt schon ist, schlicht deshalb, weil Arbeit selbst für die meisten allgegenwärtiger und kurzatmiger (und digitaler) sein wird. Und zwar auch für die, die dann noch „feste Arbeit haben“, aber dabei dann immer mehr Funktionen zugleich tun und überblicken müssen. Und erst recht für alle anderen, die dann entweder selbständig etwas tun dürfen oder vogelfrei etwas tun müssen, wobei typischer Weise schwer zu unterscheiden sein wird, wo Lernen, Arbeiten und ‚Hobby‘ (auch so ein altes Wort) jeweils anfängt oder endet.

Man sieht aus dieser Perspektive, dass „Web 2.0“ eben nicht einfach ein Synonym für eine bessere Welt ist. Es ist eher die positive Begleiterscheinung eines Umbruchs, der unser ganzes Leben sehr oft sehr schmerzhaft trifft. Das Lernen-aus-Blogs schwierig und oft verwirrend sein kann, ist demnach kein Problem des Web 2.0, sondern eines Umbruchs, in dem dauerhaftes, autoritäten-gesichertes Wissen immer knapper wird.

Das heißt umgekehrt aber auch, dass es sinnlos ist, wie Carliner und viele andere Routiniers die Haltung der „skeptischen Praktiker“ gegen die sympathischen, aber leicht spinnerten „Web 2.0-Idealisten“ einzunehmen. Der Umbruch der Arbeitsgesellschaft selbst ist ja so wenig zu verhindern wie das Schmelzen der Gletscher. Wir sind mitten drin. Wenn es uns nicht gelingt, mit den technischen Mitteln und Visionen des Web 2.0 wenigstens Teile davon ins Positive zu wenden, dann um so schlimmer für uns.

Es geht hier jedenfalls nicht mehr um eine Alternative, die man vorsichtig abwägen und geschmäcklerisch entscheiden kann. Was dann aus Instructor-led Classroom Training wird? Im nächsten Beitrag.

Das ist die aktuelle Frage beim zweiten „Blog-Carnival“, bei dem jede/r mitmachen kann und soll (Infos hier). Die Fragen diesmal: Das letzte Erlebnis mit „E-Learning“. Was man darunter versteht. Ob es selbstorganisiert war oder nicht, der Stoff vorgekaut oder nicht. Hast du es allein getan oder mit anderen? Ob es geholfen hat. – Und hier meine Antworten dazu:

Ja, im Web lerne ich natürlich jeden Tag dazu. Aber es ist sehr schwer, diese Lernresultate dann auch selbst zu greifen. Ich bin oft frustriert deshalb. Das geht nur, wenn ich das Lernprojekt-Ergebnis irgendwann selbst blogge, ins Wiki stelle usw.

Ich habe kürzlich mal zufällig ein hübsches Applet gesehen, in dem man die Brown’sche Molekularbewegung sehen konnte. Und gerade erst habe habe ich ein kleines Stück JavaScript in einer echten eLearning-Lektion gelernt (wie man ein TiddlyWiki Plugin baut, hier). Den Link habe ich auf einen Blog-Kommentar hin vom Entwickler bekommen, der spontan die Lehrer-Rolle übernahm (hier). Übrigens gibt es auch ein großartiges TiddlyLearning-Software-Projekt.

Ansonsten lerne ich gerade, was „Meme“ sind. Aber das weiß keiner so genau, es ist also eher selbstorganisiertes Studium, so wie früher in der Universität. Klassisches Web 2.0: Bookmarking/Tagging und dann durch das Erstellen eigener Blog- und Wiki-Einträge wie diese Mem-Definition hier. Der MIT-Medien- wissenschaftler Henry Jenkins hat dazu gerade einen Aufsatz in acht Blog-Posts zerlegt und online gestellt. Davon lerne ich sehr viel, obwohl oder weil ich in einigem nicht seiner Meinung bin.

Wenn ich einmal genau weiß, was Web-Meme sind und wie sie funktionieren, kann ich mir schon vorstellen, daraus einen Online-„Kurs“ zu machen. Da müsste ich dann überlegen, in welcher Form das am besten geht. Auf jeden Fall mit Eigenstudium, Projektarbeit, auch mit Experimenten. Aber wiederum: Das ist ein Web-Thema, das passt natürlich ins Web. Es wäre etwas anderes, wenn es darum geht, wann und wie man Mandeln operiert. Da wären sicher Fallstudien und Videos am besten. Am schwierigsten sind die echten Wissensarbeiter-Inhalte: was man nicht einfach zeigen kann und was sich nicht selbst bereits in der Anwendung von PC/Web-Software erschöpft.

Ich glaube, dass klassisches CBT-eLearning (vorgefertigte Klicktunnels und MultipleChoice-Tests) reine Zeit- und Geldverschwendung ist. Ich habe in einem Präsenz-Kurs selbst gelernt, wie man so etwas erstellt, als zertifizierter „e-Learning Autor“. So etwas wird immer dann gemacht, wenn man die Lernenden für dumm und/oder undiszipliniert hält. Die Lernenden merken das aber unterschwellig, und meistens hassen sie deshalb das Produkt (bewusst oder nicht). Manche Lerner mögen das, sie suchen Orientierung und bekommen gerne Punkte und Noten, aber die lernen natürlich in Wirklichkeit auch nichts.

Nein, ich habe als Lerner selbst keine Erfahrungen mit „virtuellen Klassenzimmern“ wie Moodle gemacht (aber als Lehrender schon). Ich glaube, dass sie eher schlecht und selten funktionieren (Lehrer-Meinung dazu hier), und wenn, dann nur mit Lernern, die selbst noch kaum Web-Erfahrung haben und deshalb bereits diese begrenzte, schlecht designte Funktionalität kurzzeitig toll finden können. Meine 12jährige Tochter hat das in der Schule noch nie gemacht, aber sie würde es hassen, vermute ich.

Was sie gut finden würde: Wenn sie das Referat, das sie gerade zum Thema „Wölfe“ mit ihrer Freundin für die Schule bastelt, auf einer eigenen Website veröffentlichen könnte. Wenn man ihr zeigt, wie man Inhalte verlinkt, Copy & Paste usw. Aber bis jetzt lernen sie nur (immerhin) Powerpoint und Word und benutzen (auf eigene Faust und daheim!) Wikipedia und Google.

Ich habe mal einen Projekt Management (PM)-Kurs gemacht. PM würde ich eher ungern mit altem e-Learning in Form von Lektionen lernen, v.a. deshalb, weil der Lernstoff selbst (der nämlich, der geprüft wird fürs Zertifikat) grauenvoll ist, didaktisch wie inhaltlich. Es gibt dazu CDs mit 1000 Multiple Choice-Fragen als Vorbereitung. Ich habe immer noch kein Zertifikat gemacht.

Daraus ist aber die Idee geboren, selbst „PM 2.0“ zu lehren (was das ist, kann man wieder im Web herausfinden, etwa mit diesen Links). Das probiere ich am 14.5. in Wien aus (S.24 in diesem Katalog). Der Kurs IST dann selbst ein Projekt. Mit ständiger Anwendung von Web 2.0-Tools wie Twitter, leichtgewichtigen Planungs-Templates usw. In meinem PM-Kurs gab es ja (gottlob) nicht einmal altes e-Learning, nur ausgedruckte Powerpoint-Folien.

Der Anbieter Primas denkt allerdings gerade (mit meiner Hilfe) darüber nach, wie man (a) die Ressourcen der Kurs-Dozenten online kollaborativ anlegen und bearbeiten kann (von docs ins Wiki, was wieder zur ersten Lerngeschichte führt) und wie man (b) die Erfahrungen der Kursteilnehmer, die ehrlich gesagt interessanter waren als der gelehrte „Stoff“, sozusagen „ernten“, speichern und anreichern könnte, so dass quasi der PM-Kurs selbst immer schlauer wird, mit jedem Mal, wenn er durchgeführt wird. Davon würde die Anbieter-Firma selbst profitieren, und nebenbei würde sich eine Community of Practice aus „Ehemaligen“ bilden. (Das entspricht dem, was Teemu Arina hier vorschlägt.)