Archive für Beiträge mit Schlagwort: Digitaler Klimawandel

Oh, die berühmten Digital Natives. Ich bin ja, wie ich immer und immer wieder betone, Digital Immigrant. Fast schon Silver Surfer. Seit 1999, wegen dem iMac. Ganz kurz bevor Ende 2000 Google den deutschen Mainstream erwischte. (Und aus unerfindlichen Gründen drang es damals sofort zu mir durch, dem Newbie und DigitalDepp ohne Geek-Freunde, dass das von jetzt an *die* Suchmaschine war.) Die Digital Natives also. Kompliziertes BlogCarnival-Thema.

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(1) Die Digital Natives gibt es nicht.

Es ist einfach nicht wahr, dass die junge(n) Generation(en) souveräner mit dem Web und mit digitalen Medien umgehen. Vermutlich gibt es so etwas wie eine Gaming Generation, aber das ist nicht dasselbe. Sehr viele der mir bekannten Leute, die besonders gut im Web unterwegs sind, sind in der Mehrzahl über 40, und ausnahmslose alle haben eine auffallend starke Text-und-Sprach-Kompetenz. Sie sind vermutlich gerade deshalb gut, WEIL sie an der Schnittstelle zweier Kulturen stehen. Kultureller Reichtum entsteht immer da, wo Kulturen aufeinanderprallen. Wo übersetzt werden muss.

(Übrigens gibt es eine signifikante Korrelation zur Gruppe der Leute, die durch die Schule der Popkultur gegangen sind. Auch die mir bekannten Professoren für Religionsgeschichte und Großstadtbürgermeister, die das Web können, sind durchwegs und immer noch Pop-Enthusiasten.)

Das Web besteht zuerst aus Worten, und es ist das Medium der Leute, die Spass an Worten haben. Die anderen benutzen es auch, aber sie sind nicht sicher darin. Ich schätze mal, dass maximal 20% aus jeder (!) beliebigen Bevölkerungsgruppe sich im Web wie ein Fisch im Wasser fühlen. (Auch bei den weniger Gebildeten, bei denen es sehr wohl Sprachkompetenz gibt.) Das ist dann „Digital Literacy“ (kein deutsches Wort dafür).

Und dann gibt es noch so was wie „Digital Fluency“, das heißt, sich manuell und navigationstechnisch sicher fühlen. Einfach herumprobieren und schnell die richtigen Knöpfe finden, ohne verwirrt und überwältigt zu sein. Das gibt es bei denen, die viel Routine mit solchen Maschinen haben, also vermutlich mehr bei den Jüngeren. Ist aber eine Sache der Routine, nicht des Alters.

(2) Natürlich gibt es Digital Natives.

Es kann einem ja keiner erzählen, dass das nichts ausmacht, wenn an die Stelle der Bücher in spärlich ausgestatteten öffentlichen Bibliotheken und Wohnzimmerregalen auf einmal das Web tritt. Der Einfluss dringt durch alle Poren herein.

Meine Tochter ist gerade 12, fanatische Leserin und erklärte Technik-Skeptikerin, aber trotzdem bewegt sie sich, wenn sie will, im Web wie ein Fisch im Wasser. Ohne besondere Einweisung, ohne Freunde, die es ihr zeigen. Keine Ahnung, wie solche Fähigkeiten „in der Luft liegen“ können, aber es sieht so aus. Sie konnte von Anfang an Pop-up Werbefenster intuitiv auf die einzige richtige Art zumachen. Als ich sie aber fragte, wie das bei den KlassenkameradInnen so ist, lachte sie und meinte, dass die zwar zu 99% auf der lokalen Chat-Plattform seien, aber insgesamt nicht besonders versiert im Web.

Das Web und die digitalen Medien machen etwas aus, kein Zweifel. Es ist ja wahr, dass das Web notwendig herkömmliche Autoritäten und festverdrahtete Strukturen zersetzt und mächtige Firmenportale zu Staub zerbröseln lässt, so so wie es auch alle Bücher und Dokumente shreddert, in Ausrisse von Paragraphenlänge. Und die Aufmerksamkeitsspannen in viele kleine Mikro-Spannen zerlegt. An die Stelle von angestrengter Konzentration treten (offener als früher) Kettenreaktionen. Das ändert etwas im Kopf.

(3) Also was jetzt? Zur Unternehmenspraxis.

Es sind mehrere Tendenzen, die sich hier begegnen. Erstens: Die in Beton gegossenen Makrostrukturen der Organisationen weichen von innen her auf. Die digitalen Ignoranten im Management sind sich selbst ihrer Sache nicht mehr sicher und strahlen das auch aus. (Das hat noch gar nichts mit „Digital Natives“ zu tun, sondern v.a. mit der Flat World der globalisierten Info-Ökonomie.) Zweitens: Die digitalen Medien, und da wieder besonders das Web zusammen mit den Handys, verändern die alte Bürokultur, die knapp 30 Jahre im papierenen Fax-Zeitalter verharrte: Siemens Telefonanlagen, Rank Xerox Photokopierer, Microsoft Office Files, die permanent ausgedruckt wurden und dann gleich wieder zu vielen feinen Streifen zerschnitzelt. Die Digital Natives sind eher Objekte dieser Entwicklung, nicht Ursache und Treiber.

Und wie ist das jetzt, drittens, mit der „Net Generation“, der „zugeschrieben [wird], dass sie eher kooperativ arbeiten, offener eigene Erfahrungen kommunizieren und extensiv Technologien zur Vernetzung nutzen“? Hm. Jein. Sagen wir so: Es gibt ein Vakuum durch die Tatsache, dass die alte Art zu arbeiten, zu kommunizieren und sich zu verdrahten im Niedergang ist. Das alte Betriebssystem im Kopf ist nicht mehr installiert, und das neue Betriebssystem („Web as a Platform“) ist noch nicht richtig im Laufen. So gesehen sind die Digital Natives vermutlich offener. Aber dass sie alle diese großartigen Werte konsequenter vertreten, alle nötigen Skills besser beherrschen: bis jetzt eher nicht. Manche können das ganz großartig, aber das ist der Prozentsatz der Hochbegabten, den es in jeder Generation gibt. Sehr viele sind im Gegenteil bislang eher „Digital Illiterates“, vermutlich weil es niemand gibt, bei dem man sich Praktiken abschauen kann.

Vielleicht, wahrscheinlich sogar, wird sich das in der Generation meiner Tochter ändern. Kulturtechniken entstehen durch gemeinsame Praxis von allen. Bis dahin gibt es aber noch viel Arbeit für uns Immigranten, die als digitale Tellerwäscher angefangen haben.

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Wenn uns eine Kristallkugel zeigen könnte, welche Form im Jahr 2019 Lernen/Weiterbildung in den Unternehmen & Organisationen angenommen hat, was würden wir sehen?

Welchen Mix aus informellem Selbstlernen und Schulungen? Welche Rolle werden dabei „Klassenzimmer“ spielen? Welche Rolle wird das Web spielen, diesseits und jenseits der Firewall? Und welche Rolle werden die beiden zentralen Formen von „e-Learning 1.0“ spielen: also zum einen CBTs/WBTs und zum anderen elektronische Klassenzimmer-mit-Online-Prüfung?

Das war die Big Question, die das LearningCircuit-Blog im März den nordamerikanischen eLearning-Professionals gestellt hat. [Link]

Der kanadische eLearning-Veteran Saul Carliner (danke an Jochen Robes für den Link) kritisiert jetzt die Mehrheit der Experten, die sagt, dass die Zeit herkömmlicher Schulungen vorbei ist und „informelles Lernen“ und Weblernen an ihre Stelle tritt. (In Wahrheit sind deren Antworten deutlich komplexer, aber klammern wir das an dieser Stelle einmal aus).

Carliner sagt, es werde weiterhin ebenso viele herkömmliche Schulungen geben wie bisher, weil Lernen-durch-Bloggen als Grundansatz nicht funktioniere. Darüber dann im nächsten Blogpost hier. Hier erst einmal nur die Antwort auf die Frage des Learning Circuit Blog. Wie wird es 2019 sein?

Tatsächlich denke ich, dass zwei widersprüchliche Antworten richtig sind. Und sie entsprechen ungefähr einem Intranet-LMS-Szenario und einem Web 2.0-Szenario:

(1) Es wird alles so ähnlich bleiben wie es ist, weil sich eingefahrene Strukturen immer nur dann ändern, wenn alles zusammenbricht.

In stabilen Organisationen wird die Weiterbildung 2019 der von heute in etwa so gleichen wie die Weiterbildung von 2009 der von 1999 gleicht — trotz neuer Tools und deutlich mehr Webarbeit. Ähnliche Strukturen, ähnliche Schulungen, ein paar technische Änderungen. Dieses Szenario ist wahrscheinlich bei den (welchen?) Organisationen, die relativ immun bleiben gegen den radikalen äußeren Wandel: d.h. fürsich bestehende Bürokratien und große verwaltungsorientierte Organisationen, sofern sie einigermaßen freigestellt sind vom permanenten Kostendruck der neuen „flachen Welt“. (Es kann sein, dass Schulen und Universitäten als Verwaltungsapparate für „Lernen“ hier noch dazugehören.) Wenn wir großes Glück haben, lernt man dort aus den vielen heutigen Fehlern und macht die Präsenz-Schulungen bis dahin immer besser (das geht, natürlich).

(2) Es wird alles ganz anders sein als jetzt, weil wir die meisten Unternehmen und Organisationen kaum mehr wiedererkennen werden.

Weil die große Idee des letzten Jahrhunderts am Ende ist: eben die „Organisation“ wie wir sie kennen, d.h. gemeinsame Büroarbeit in riesigen Gebäuden, Abteilungen, Fluren und Büros mit festen langfristigen Arbeitsplätzen, aufwändigen Plänen, Stechuhren und täglichem Kantinenessen-Anschlag.

Lernen wird 2019 viel allgegenwärtiger und kurzatmiger sein als es jetzt schon ist, schlicht deshalb, weil Arbeit selbst für die meisten allgegenwärtiger und kurzatmiger (und digitaler) sein wird. Und zwar auch für die, die dann noch „feste Arbeit haben“, aber dabei dann immer mehr Funktionen zugleich tun und überblicken müssen. Und erst recht für alle anderen, die dann entweder selbständig etwas tun dürfen oder vogelfrei etwas tun müssen, wobei typischer Weise schwer zu unterscheiden sein wird, wo Lernen, Arbeiten und ‚Hobby‘ (auch so ein altes Wort) jeweils anfängt oder endet.

Man sieht aus dieser Perspektive, dass „Web 2.0“ eben nicht einfach ein Synonym für eine bessere Welt ist. Es ist eher die positive Begleiterscheinung eines Umbruchs, der unser ganzes Leben sehr oft sehr schmerzhaft trifft. Das Lernen-aus-Blogs schwierig und oft verwirrend sein kann, ist demnach kein Problem des Web 2.0, sondern eines Umbruchs, in dem dauerhaftes, autoritäten-gesichertes Wissen immer knapper wird.

Das heißt umgekehrt aber auch, dass es sinnlos ist, wie Carliner und viele andere Routiniers die Haltung der „skeptischen Praktiker“ gegen die sympathischen, aber leicht spinnerten „Web 2.0-Idealisten“ einzunehmen. Der Umbruch der Arbeitsgesellschaft selbst ist ja so wenig zu verhindern wie das Schmelzen der Gletscher. Wir sind mitten drin. Wenn es uns nicht gelingt, mit den technischen Mitteln und Visionen des Web 2.0 wenigstens Teile davon ins Positive zu wenden, dann um so schlimmer für uns.

Es geht hier jedenfalls nicht mehr um eine Alternative, die man vorsichtig abwägen und geschmäcklerisch entscheiden kann. Was dann aus Instructor-led Classroom Training wird? Im nächsten Beitrag.

„Was man jetzt überlegen muss in Schulen, in Unternehmen: Was tun die Leute wirklich, wenn sie lernen und wissensarbeiten, d.h. wenn sie vor dem Computer sitzen? Also nicht: Was sollen sie tun. Und nicht: Was glauben sie selbst, dass sie tun. Und da stellt sich eben heraus, dass ihr Tag, ihr Workflow, ihr Informations- und Wissensprozess aus sehr vielen kleinen Fragmenten besteht. Und um die dann wieder zusammenbringen, dafür ist jetzt jeder selbst allein verantwortlich. Früher haben das Bücher erledigt, oder eben ‚der Apparat‘. Das ist vorbei. Das Problem ist ja: Wir haben Makro-Strukturen und leben in einer Mikro-Wirklichkeit.“

Undsoweiter in dieser Art. Hier ist ein kurzes YouTube-Interview vom Rand der Online Educa, in dem ich in 6 Minuten versuche zu sagen, was es mit „Microcontent“, „Microinformation“ und „Microlearning“ im neuen digitalen Ökosystem auf sich hat.

Tatsächlich sehe und verlinke ich mich ungern (Bad Hair! Nerviges Augenschließen beim Formulieren! …). Hier habe ich mich überwunden, es doch zu tun, denn es scheint so, dass ich mündlich und spontan die Grundideen einfach besser auf den Punkt bringe. Wenn ich versucht hätte, das gezielt aufzuschreiben, hätte es lang gedauert und es wäre schlechter geworden. Danke, Basti Hirsch! (Der hat die Fragen für die sehr empfehlenswerte Scope-Expertengespräch -Reihe gestellt und denkt mit seinen „bildungsburg“-Kollaborateuren gerade über eine Uni 2.0 nach.)

Fußnote: Lustig, dass die Art zu reden hier ein wenig an den alten Dutschke-Tonfall der 1968er erinnert, völlig unabsichtlich natürlich. Das hat mich ja in meiner 1970er-Jahre-Provinz-Jugend nur noch als sehr verdünnter Abglanz erreicht. Aber irgendwie passt das sogar: Wenn es so etwas wie eine Umwälzung gibt in dieser völlig in alten Routinen erstarrten Gesellschaft, in den Unternehmen, Universitäten und Schulen, dann findet sie gerade im Web statt, software-getrieben.

Was von der Learntec 2009 in Erinnerung bleibt, sind die lustigen Widersprüche:

1. Das riesige leere Messegebäude, das aussieht wie eine 20er-Jahre-Zeppelin-Fabrik, gebaut von einem Avantgardisten der Neuen Sachlichkeit. Und darin ein recht klein gewordener Zeppelin. Die letzten Jahre war das ja immer leicht deprimierend gewesen, die leerlaufende Geschäftigkeit, die immer gleichen Leute, die immer gleichen Ideen. Die Abkapselung von der Welt draußen, wo eine digitale Revolution die Welt des Wissens und Lernes auf den Kopf stellt. Brave ergraute Männer in grauen Anzügen (ein paar Frauen dazwischen). Dieses Jahr wirkte das seltsamer Weise nicht deprimierend, sondern rührend und familiär. Eine entspannte Stimmung der Übriggebliebenen in der kleinen Zeppelin-Gondel. An die angelernten hohlen New Economy-Wichtigkeits-Posen der letzten Dekade glaubt jetzt endlich keiner mehr. Man könnte wieder bei Null anfangen.

Zeppelin

2. Sirka Laudon vom Otto-Versand, die ihre Callcenter-TelefonistInnen mit Events wie im TUI-Ferienhotel bei Laune hält, damit sie nicht so telefonieren, wie sich sich fühlen müssen in diesem seltsamen Job: Bestellungen aufnehmen, immer neu, und dabei sollen sie versuchen, menschliche Konversation zu machen, ohne zu klingen wie die Moderatoren beim 9Live-Gewinnspiel. Aus dem internen Brainstorm-Wettbewerb für neue, kreative Sätze: „Spendieren Sie mir Ihre Kundennummer?“ Und: „Ich bin schon ganz gespannt auf Ihre Bestellung!“ So weit, so deprimierend, würde man meinen. Aber selbst das wirkte eher rührend. Das wirklich Interessante ist nun, dass die Frau und ihre TUI-Event-Ideen gar nicht unsympathisch waren. Die waren nämlich tatsächlich „learner-centered“, und wenn ich in ihrem Callcenter wäre, würden sie vermutlich auch bei mir funktionieren. Die Angst vor dem abstrakten, technischen e-Learning (das vermutlich eher unattraktiv war) abbauen, indem alle ihre Erstklassler-Einschulung nachstellen, mit Schultüten und allem. Freiwillige Lunch&Learn-Veranstaltungen mit kontroversen Themen in der Mittagspause. Es war Kindergeburtstag, aber es war auch der Geist des „Web 2.0“, und sie hatte sich tatsächlich auch dazu viele richtige Gedanken gemacht. Das war das Verblüffende hier: Wie aus der hohlsten Spaßkultur der richtige, menschliche Ansatz für „Lernen“ logisch hervorgehen kann.

3. Das Web 2.0. Ja, wo war es eigentlich? Nirgends zu sehen. Nur manchmal in Nebensätzen. Natürlich kennen inzwischen alle irgendwie WikiBlogPodcast, aber nirgends wurde diskutiert, wie man so etwas als Lern-Ökologie zum Funktionieren bringt. „Web 2.0“ war hier ein nettes Feature, das man in große geschlossene Systeme einbaut. „Ja, bloggen kann man mit unserem LMS jetzt auch.“ Und es funktioniert garantiert nicht, weil es ja eigentlich nicht um Features geht, sondern um eine ganz neue Ökologie. Gar nichts erfährt man über den eigentlichen Stand der Dinge: das Web 2.0 der zweiten Generation, also die weltweite Diskussion um das „Personal Learning Environment“ (> PLÖ), das die ganzen vernetzten Lernprozesse erst in Zusammenhang bringt, mit Dashboard, RSS, Microblogging, Microsharing etc.

4. Am Schluss dann wieder die Diskussion über den Namen, die ja auch eine Diskussion über das Konzept ist. Soll man das überhaupt noch „e-Learning“ nennen? Und nicht einfach „Weiterbildung“, weil doch eigentlich die Technologie ja zweitrangig sei? Oder umgekehrt: Ist nicht gerade „Learntec“ eigentlich der gute und richtige Name, wie Winfried Sommer meinte, denn darum gehe es ja: Technologien, die Lernprozesse verändern, in Gang setzen oder behindern. (Beide Seiten haben Recht, und zugleich keine: Ja, man muss zum menschlichen Lerner zurück, gegen den Apparat, aber gerade die Web-Technologien bieten dafür die Mittel: Das Web 2.0 ist human. WBTs sind es nicht. Und die gute alte Weiterbildung, für die Technologie ein notwendiges Übel ist, ist ein Auslaufmodell, schon weil man sie sich so schlicht nicht mehr leisten kann.)

5. Die Learntec 2009: Das ist wie die Learntec 2008, 2007, 2006. „Wissen was es seit Jahren gibt“. Nämlich: Elektronische Weiterbildung mit klassischen Lehrer- und Lerner-Rollen, großen geschlossenen Systemen und einer ganz kleinen Prise Web-Aroma. Die Akteure haben graue Haare (wie ich selbst). Das Leben draußen, die sehr lebendige angelsächsische „Learning 2.0″-Bewegung gar, ist ganz weit weg. Das Web 2.0 auf der Learntec, das ist eine Person, und die heißt Jochen Robes.

6. Das Gute an der Learntec ist ja nicht das verzettelte Kongressprogramm und nicht die lustlose Messestand-Routine mit Hochglanzprospekten. Das Gute sind die Leute und ihre Geschichten. Je genauer sie aus dem Alltag erzählen, desto interessanter wird es. Je näher man den Lernern selbst kommt, je mehr man erfährt über die Spannung zwischen den Lehr-Apparaten und den Leuten, die wissen wollend auf ihren Bildschirm starren. Die Learntec ist genau da lebendig, wo sie ein Social Network ist. Warum gibt es das nicht? Facebook, mixxt, Ning, Twitter? Die deutschen Lerntechnologen regeln ja immer noch alles mit „Visitenkarten“ (so 19. Jahrhundert), mit Telefon und mit e-Mails, die anfangen mit „Sehr geehrter Herr Ypsilon“.

7. Die Learntec überlebt nur dann, wenn wissbegierige Jungstudenten und Ich-AGs und Leute, die in immer virtuelleren Teams arbeiten, Lust bekommen hinzugehen. All die Lerner und Wissenwoller da draußen, und in Wahrheit gehören ja auch die Profis selbst dazu. Wenn man wirklich spürt, dass jetzt! gerade! eine digitale Kulturrevolution stattfindet, wie Michael Scheuermann von der BASF das nannte.

Im Digitalen Klimawandel steht der Mensch im Mittelpunkt, auf bisher ganz ungewohnte Weise. Auge in Auge mit dem Weltwissen. Als Ich AG. Als Ein-Mann-Uni. Freigesetzt und im Stich gelassen. Das ist großartig, aber es macht auch Angst.

Viele User flüchten sich genau deshalb gern in das scheinbar verlässliche Raster von Drill-Lernen und Multiple Choice-Tests, die in harte Zertifikate münden, aber in Wahrheit das Wissen, um das es dabei gehen soll, nicht vermitteln.

Und noch mehr löst das bei den Organisationen selbst Angst aus. Organisationen führen IT-Systeme ja nicht in erster Linie ein, weil diese Produktivität und Innovation fördern. Sie führen sie deshalb ein, weil sie wollen, dass die IT ihr besseres Selbst verkörpert, ihr eigenes Wunsch-Spiegelbild: eine hyperrationale, klar gegliederte, von kompetenten Führungskräften souverän gemanagte, perfekt mit Menschen aus hochglänzenden Unternehmens-Werbeprospekten besetzte Welt, in der jede Aktivität sofort im perfekten SAP erfasst, bewertet und am Ende auf Euro und Cent genau als Kosten und ROI wieder ausgegeben wird. (> mehr)

Das Web wird unterschätzt, bei weitem. Es ist underhyped, wie David Weinberger sagt. Wir reden zu wenig darüber. Wir denken viel zu wenig ernsthaft darüber nach. Darum verstehen wir die Welt nicht mehr. (Im deutschsprachigen Raum übrigens noch weniger als anderswo.) Digitale Information ist wie der Klimawandel: Nichts ist wirklich greifbar, nichts kann man anfassen, es ist nur ein kaum merkliches Ansteigen der Durchschnittstemperatur, und trotzdem hat es schwerwiegende Folgen für die Welt in der wir leben.

„Information“ hat ihren Aggregatzustand geändert: Sie ist wolkiger und flüchtiger geworden, und sie zirkuliert sehr viel schneller. Sie funktioniert viel mehr als ständige schnelle  Kettenreaktion, nicht mehr als etwas Gespeichertes, auf das man in Ruhe zurückgreifen kann. Das verändert das gesellschaftliche Ökosystem, und zwar auch für die, die glauben, dass sie nicht betroffen sind. Der Golfstrom fließt plötzlich anderswo. Und plötzlich müssen alle ihre gewohnte Lebensweise und Denkweise verändern.

Gletscher schmelzen mit verblüffender Geschwindigkeit: die Banken, Siemens, die CSU, die SPD sowieso, BMW, die Universitäten, die Schulen … Faustregel: Je größer die Gebäude sind, in denen eine Organisation residiert, desto größer sind ihre Probleme.

Wüsten breiten sich aus, wo früher fruchtbares Land war: Die Märkte verändern sich. Was „Produkt“ ist, verändert sich. Das Geschäft der alten Medien funktioniert nicht mehr: die Zeitungen, das Fernsehen, die Werbung, die Bücher. Man kann „Inhalte“ nicht mehr so verkaufen, wie man es früher gewohnt war.

Kreaturen werden aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben: Wer sich nicht anpasst, den bestraft das Leben. Wir werden noch viel mehr „digitale Nomaden“ sehen, mit Laptop und internetfähigem Telefon, die in wechselnden „Projekten“ in verteilten Teams arbeiten. Und das betrifft alle – auch und gerade gestandene Leute, die nicht unter 30 sind, die nicht in Berlin leben und die handfeste Berufe haben, die auf den ersten Blick nicht aussehen wie „Wissensarbeit“.

Wo ist denn hier die Wirklichkeit? Das Internet ändert alles. Es wird bei weitem unterschätzt, weil man falsche Fragen stellt: Wo ist denn hier die Wirklichkeit? Die „Realwirtschaft“? Menschen aus Fleisch und Blut? Richtiges Geld? Es sind doch nur Zeichen! Da bleibt doch nichts! Wie Flugzeuge, die über den Strand fliegen und groß „Nivea“ in den Himmel schreiben. Wie Blogger, die immer nur „Ich Ich Ich“ sagen. Wie Banker, die immer neue Kredite verbriefen.

Ja. Aber es sind Millionen Flugzeuge, die Worte und Zeichen  in den Himmel schreiben, bis sich die Spuren immer mehr überkreuzen, bis nur mehr eine einzige große Wolke zu sehen ist, die ständig ihre Gestalt ändert. Und diese Wolke geht nie mehr weg. Es gibt keinen Rückweg mehr in die gute alte Wirklichkeit (wenn es sie denn je gegeben hat). Diesen Klimawandel müssen wir verstehen, wenn wir lernen wollen, wie man in dieser veränderten Umwelt überleben kann. Und wir haben ja gerade erst damit angefangen: Die große Wolke gibt es erst seit 15 Jahren. Und erst seit 9 Jahren greift sie spürbar in unser (deutsches) Alltagsleben ein.