Archive für Beiträge mit Schlagwort: blog-carnival

Oh, die berühmten Digital Natives. Ich bin ja, wie ich immer und immer wieder betone, Digital Immigrant. Fast schon Silver Surfer. Seit 1999, wegen dem iMac. Ganz kurz bevor Ende 2000 Google den deutschen Mainstream erwischte. (Und aus unerfindlichen Gründen drang es damals sofort zu mir durch, dem Newbie und DigitalDepp ohne Geek-Freunde, dass das von jetzt an *die* Suchmaschine war.) Die Digital Natives also. Kompliziertes BlogCarnival-Thema.

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(1) Die Digital Natives gibt es nicht.

Es ist einfach nicht wahr, dass die junge(n) Generation(en) souveräner mit dem Web und mit digitalen Medien umgehen. Vermutlich gibt es so etwas wie eine Gaming Generation, aber das ist nicht dasselbe. Sehr viele der mir bekannten Leute, die besonders gut im Web unterwegs sind, sind in der Mehrzahl über 40, und ausnahmslose alle haben eine auffallend starke Text-und-Sprach-Kompetenz. Sie sind vermutlich gerade deshalb gut, WEIL sie an der Schnittstelle zweier Kulturen stehen. Kultureller Reichtum entsteht immer da, wo Kulturen aufeinanderprallen. Wo übersetzt werden muss.

(Übrigens gibt es eine signifikante Korrelation zur Gruppe der Leute, die durch die Schule der Popkultur gegangen sind. Auch die mir bekannten Professoren für Religionsgeschichte und Großstadtbürgermeister, die das Web können, sind durchwegs und immer noch Pop-Enthusiasten.)

Das Web besteht zuerst aus Worten, und es ist das Medium der Leute, die Spass an Worten haben. Die anderen benutzen es auch, aber sie sind nicht sicher darin. Ich schätze mal, dass maximal 20% aus jeder (!) beliebigen Bevölkerungsgruppe sich im Web wie ein Fisch im Wasser fühlen. (Auch bei den weniger Gebildeten, bei denen es sehr wohl Sprachkompetenz gibt.) Das ist dann „Digital Literacy“ (kein deutsches Wort dafür).

Und dann gibt es noch so was wie „Digital Fluency“, das heißt, sich manuell und navigationstechnisch sicher fühlen. Einfach herumprobieren und schnell die richtigen Knöpfe finden, ohne verwirrt und überwältigt zu sein. Das gibt es bei denen, die viel Routine mit solchen Maschinen haben, also vermutlich mehr bei den Jüngeren. Ist aber eine Sache der Routine, nicht des Alters.

(2) Natürlich gibt es Digital Natives.

Es kann einem ja keiner erzählen, dass das nichts ausmacht, wenn an die Stelle der Bücher in spärlich ausgestatteten öffentlichen Bibliotheken und Wohnzimmerregalen auf einmal das Web tritt. Der Einfluss dringt durch alle Poren herein.

Meine Tochter ist gerade 12, fanatische Leserin und erklärte Technik-Skeptikerin, aber trotzdem bewegt sie sich, wenn sie will, im Web wie ein Fisch im Wasser. Ohne besondere Einweisung, ohne Freunde, die es ihr zeigen. Keine Ahnung, wie solche Fähigkeiten „in der Luft liegen“ können, aber es sieht so aus. Sie konnte von Anfang an Pop-up Werbefenster intuitiv auf die einzige richtige Art zumachen. Als ich sie aber fragte, wie das bei den KlassenkameradInnen so ist, lachte sie und meinte, dass die zwar zu 99% auf der lokalen Chat-Plattform seien, aber insgesamt nicht besonders versiert im Web.

Das Web und die digitalen Medien machen etwas aus, kein Zweifel. Es ist ja wahr, dass das Web notwendig herkömmliche Autoritäten und festverdrahtete Strukturen zersetzt und mächtige Firmenportale zu Staub zerbröseln lässt, so so wie es auch alle Bücher und Dokumente shreddert, in Ausrisse von Paragraphenlänge. Und die Aufmerksamkeitsspannen in viele kleine Mikro-Spannen zerlegt. An die Stelle von angestrengter Konzentration treten (offener als früher) Kettenreaktionen. Das ändert etwas im Kopf.

(3) Also was jetzt? Zur Unternehmenspraxis.

Es sind mehrere Tendenzen, die sich hier begegnen. Erstens: Die in Beton gegossenen Makrostrukturen der Organisationen weichen von innen her auf. Die digitalen Ignoranten im Management sind sich selbst ihrer Sache nicht mehr sicher und strahlen das auch aus. (Das hat noch gar nichts mit „Digital Natives“ zu tun, sondern v.a. mit der Flat World der globalisierten Info-Ökonomie.) Zweitens: Die digitalen Medien, und da wieder besonders das Web zusammen mit den Handys, verändern die alte Bürokultur, die knapp 30 Jahre im papierenen Fax-Zeitalter verharrte: Siemens Telefonanlagen, Rank Xerox Photokopierer, Microsoft Office Files, die permanent ausgedruckt wurden und dann gleich wieder zu vielen feinen Streifen zerschnitzelt. Die Digital Natives sind eher Objekte dieser Entwicklung, nicht Ursache und Treiber.

Und wie ist das jetzt, drittens, mit der „Net Generation“, der „zugeschrieben [wird], dass sie eher kooperativ arbeiten, offener eigene Erfahrungen kommunizieren und extensiv Technologien zur Vernetzung nutzen“? Hm. Jein. Sagen wir so: Es gibt ein Vakuum durch die Tatsache, dass die alte Art zu arbeiten, zu kommunizieren und sich zu verdrahten im Niedergang ist. Das alte Betriebssystem im Kopf ist nicht mehr installiert, und das neue Betriebssystem („Web as a Platform“) ist noch nicht richtig im Laufen. So gesehen sind die Digital Natives vermutlich offener. Aber dass sie alle diese großartigen Werte konsequenter vertreten, alle nötigen Skills besser beherrschen: bis jetzt eher nicht. Manche können das ganz großartig, aber das ist der Prozentsatz der Hochbegabten, den es in jeder Generation gibt. Sehr viele sind im Gegenteil bislang eher „Digital Illiterates“, vermutlich weil es niemand gibt, bei dem man sich Praktiken abschauen kann.

Vielleicht, wahrscheinlich sogar, wird sich das in der Generation meiner Tochter ändern. Kulturtechniken entstehen durch gemeinsame Praxis von allen. Bis dahin gibt es aber noch viel Arbeit für uns Immigranten, die als digitale Tellerwäscher angefangen haben.

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Das ist die aktuelle Frage beim zweiten „Blog-Carnival“, bei dem jede/r mitmachen kann und soll (Infos hier). Die Fragen diesmal: Das letzte Erlebnis mit „E-Learning“. Was man darunter versteht. Ob es selbstorganisiert war oder nicht, der Stoff vorgekaut oder nicht. Hast du es allein getan oder mit anderen? Ob es geholfen hat. – Und hier meine Antworten dazu:

Ja, im Web lerne ich natürlich jeden Tag dazu. Aber es ist sehr schwer, diese Lernresultate dann auch selbst zu greifen. Ich bin oft frustriert deshalb. Das geht nur, wenn ich das Lernprojekt-Ergebnis irgendwann selbst blogge, ins Wiki stelle usw.

Ich habe kürzlich mal zufällig ein hübsches Applet gesehen, in dem man die Brown’sche Molekularbewegung sehen konnte. Und gerade erst habe habe ich ein kleines Stück JavaScript in einer echten eLearning-Lektion gelernt (wie man ein TiddlyWiki Plugin baut, hier). Den Link habe ich auf einen Blog-Kommentar hin vom Entwickler bekommen, der spontan die Lehrer-Rolle übernahm (hier). Übrigens gibt es auch ein großartiges TiddlyLearning-Software-Projekt.

Ansonsten lerne ich gerade, was „Meme“ sind. Aber das weiß keiner so genau, es ist also eher selbstorganisiertes Studium, so wie früher in der Universität. Klassisches Web 2.0: Bookmarking/Tagging und dann durch das Erstellen eigener Blog- und Wiki-Einträge wie diese Mem-Definition hier. Der MIT-Medien- wissenschaftler Henry Jenkins hat dazu gerade einen Aufsatz in acht Blog-Posts zerlegt und online gestellt. Davon lerne ich sehr viel, obwohl oder weil ich in einigem nicht seiner Meinung bin.

Wenn ich einmal genau weiß, was Web-Meme sind und wie sie funktionieren, kann ich mir schon vorstellen, daraus einen Online-„Kurs“ zu machen. Da müsste ich dann überlegen, in welcher Form das am besten geht. Auf jeden Fall mit Eigenstudium, Projektarbeit, auch mit Experimenten. Aber wiederum: Das ist ein Web-Thema, das passt natürlich ins Web. Es wäre etwas anderes, wenn es darum geht, wann und wie man Mandeln operiert. Da wären sicher Fallstudien und Videos am besten. Am schwierigsten sind die echten Wissensarbeiter-Inhalte: was man nicht einfach zeigen kann und was sich nicht selbst bereits in der Anwendung von PC/Web-Software erschöpft.

Ich glaube, dass klassisches CBT-eLearning (vorgefertigte Klicktunnels und MultipleChoice-Tests) reine Zeit- und Geldverschwendung ist. Ich habe in einem Präsenz-Kurs selbst gelernt, wie man so etwas erstellt, als zertifizierter „e-Learning Autor“. So etwas wird immer dann gemacht, wenn man die Lernenden für dumm und/oder undiszipliniert hält. Die Lernenden merken das aber unterschwellig, und meistens hassen sie deshalb das Produkt (bewusst oder nicht). Manche Lerner mögen das, sie suchen Orientierung und bekommen gerne Punkte und Noten, aber die lernen natürlich in Wirklichkeit auch nichts.

Nein, ich habe als Lerner selbst keine Erfahrungen mit „virtuellen Klassenzimmern“ wie Moodle gemacht (aber als Lehrender schon). Ich glaube, dass sie eher schlecht und selten funktionieren (Lehrer-Meinung dazu hier), und wenn, dann nur mit Lernern, die selbst noch kaum Web-Erfahrung haben und deshalb bereits diese begrenzte, schlecht designte Funktionalität kurzzeitig toll finden können. Meine 12jährige Tochter hat das in der Schule noch nie gemacht, aber sie würde es hassen, vermute ich.

Was sie gut finden würde: Wenn sie das Referat, das sie gerade zum Thema „Wölfe“ mit ihrer Freundin für die Schule bastelt, auf einer eigenen Website veröffentlichen könnte. Wenn man ihr zeigt, wie man Inhalte verlinkt, Copy & Paste usw. Aber bis jetzt lernen sie nur (immerhin) Powerpoint und Word und benutzen (auf eigene Faust und daheim!) Wikipedia und Google.

Ich habe mal einen Projekt Management (PM)-Kurs gemacht. PM würde ich eher ungern mit altem e-Learning in Form von Lektionen lernen, v.a. deshalb, weil der Lernstoff selbst (der nämlich, der geprüft wird fürs Zertifikat) grauenvoll ist, didaktisch wie inhaltlich. Es gibt dazu CDs mit 1000 Multiple Choice-Fragen als Vorbereitung. Ich habe immer noch kein Zertifikat gemacht.

Daraus ist aber die Idee geboren, selbst „PM 2.0“ zu lehren (was das ist, kann man wieder im Web herausfinden, etwa mit diesen Links). Das probiere ich am 14.5. in Wien aus (S.24 in diesem Katalog). Der Kurs IST dann selbst ein Projekt. Mit ständiger Anwendung von Web 2.0-Tools wie Twitter, leichtgewichtigen Planungs-Templates usw. In meinem PM-Kurs gab es ja (gottlob) nicht einmal altes e-Learning, nur ausgedruckte Powerpoint-Folien.

Der Anbieter Primas denkt allerdings gerade (mit meiner Hilfe) darüber nach, wie man (a) die Ressourcen der Kurs-Dozenten online kollaborativ anlegen und bearbeiten kann (von docs ins Wiki, was wieder zur ersten Lerngeschichte führt) und wie man (b) die Erfahrungen der Kursteilnehmer, die ehrlich gesagt interessanter waren als der gelehrte „Stoff“, sozusagen „ernten“, speichern und anreichern könnte, so dass quasi der PM-Kurs selbst immer schlauer wird, mit jedem Mal, wenn er durchgeführt wird. Davon würde die Anbieter-Firma selbst profitieren, und nebenbei würde sich eine Community of Practice aus „Ehemaligen“ bilden. (Das entspricht dem, was Teemu Arina hier vorschlägt.)