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Seit dem Wochenende gibt es ein Wiki, das ein deutschsprachiges Gegenstück zur „Hacking Education“-Tagung entwickeln soll: http://wwweblern.pbwiki.com Eine selbstorganisierende Konferenz sozusagen, die Mitte Oktober stattfinden soll. Jede/r ist aufgerufen, Ideen und Namen beizusteuern. Die spontane Resonanz innerhalb von 12 Stunden war erstaunlich groß. Was ist der Hintergrund?

Vor einem Monat trafen sich in New York ca. 30 Leute zur Tagung „Hacking Education„. Eingeladen hatte der Start-up-Finanzinvestor („venture capitalist“) und Blogger Fred Wilson. Gekommen waren Gründer von software-getriebenen Weblern-Firmen und ein paar kreative Weblern-Experten und Lerntheoretiker von den Universitäten. Eine geschlossene Diskussionsveranstaltung, acht Stunden lang. (Die Themen sind hier.)

Die Kernsätze wurden via Twitter sofort ins Web gestellt, in Echtzeit, versehen mit dem Kennwort #hackedu (hier kann man alle nachlesen), und sie hatten dort sofort eine enorme Resonanz. Als ob alle darauf gewartet hätten, dass man sich von den gewohnten Bildungs-Diskursen endlich einmal löst und sich unvoreingenommen und radikal fragt, was das bedeutet: „Bildung im Zeitalter des Web“. Seitdem kursieren im Web eine ganze Reihe von Thesen und Kernsätzen, alle nicht länger als 140 Zeichen … Das Transkript der Diskussionen soll bald veröffentlicht werden.

Wieso „Hacking“? Kann das auch etwas Positives sein?

Wenn „Hacken“ so gebraucht wird, wie das OpenSource-Programmierer und MIT-Studenten seit langem tun, bedeutet es: Kreative, unkonventionelle, technisch versierte und lose vernetzte „Einzelkämpfer“ funktionieren spielerisch ein vorhandenes kompliziertes und geschlossenes System für eigene Zwecke um. Das System wird geöffnet. Seine Kraftquellen werden angezapft, die Möglichkeiten anders genutzt als vorgeschrieben.

Dabei setzen „Hacker“ möglichst einfache Mittel so geschickt ein, dass sie maximale Wirkung erzeugen. In diesem Sinn hat etwa Tim Berners-Lee mit der Erfindung des World Wide Web, eigentlich ein Bündel relativ simpler Protokolle und Technologien, das große Internet „gehackt“. In diesem Sinn ist Linus Torvalds, der Inspirator von Linux, ein „Hacker“. Ward Cunningham, Erfinder des Wiki, ist ebenso Hacker, wie Dave Winer, der Blog- und Feed-Pionier. Und natürlich Biz Stone und Evan Wlliams, die zuerst 1999 „Blogger“ und dann 2006 „Twitter“ eher bastelten als im herkömmlichen Sinn der großtechnischen IT „entwickelten“.

Im Mittelpunkt des „Hacker Ethos“ [hier ist ein Zitat] steht – ein bisschen verschwommen, aber doch gut erkennbar – der freie, selbstbestimmte, kreative, spielerische und unternehmungslustige Einzelmensch. Eher nicht Kapitalisten, deren Lebensinhalt Geld ist, sondern Leute, die ihr Hobby wie einen Beruf betreiben. Oder umgekehrt. Die „Web 2.0 Venture Capitalists“ wie Fred Wilson oder Paul Graham sind dann Leute, die ihr kapitalistisches Know-how einsetzen, um solche Start-ups zu fördern. (Das wird ohnehin das Resultat der KRISE sein: Viel mehr kleine, vogelfreie, knapp bezahlte Aktivitäten, aber die dafür mit Überzeugung und stark vernetzt [#].)

Das ganze „Web 2.0“ wird von diesem Hacker-Geist getragen und getrieben. Begriff und dahinterstehende Haltung lassen sich leicht auch auf Inhalte übertragen: Blogger und Microblogger „hacken die Medien“, d.h. sie funktionieren das Mediensystem um.

Was also heißt dann „Hacking Education“, die Bildung hacken? Es bedeutet eine radikal andere sPerspektive, die/den einzelne/n LernerIn radikal in den Mittelpunkt stellt. Nicht den Nutzen, den sich das System vom Lernen/Lehren verspricht, nicht die Perspektive der Lehrenden, sondern „die Nutzer“ selbst. Genau so wie im Web immer schon die/der Einzelne im Zentrum steht: Die leere Google-Seite als Schnittstelle zum Weltwissen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Eine unfassbare Revolution.

Die Bildung hacken: Tafel 2.0 und Web 2.0

(1) Das alte Bildungssystem „hacken“, das heißt seine eigenen Mittel besser zu kennen und zu beherrschen als das System selbst und es dann umzufunktionieren. Wie ein Hip-Hop-DJ den Plattenspieler umfunktioniert. Genau das passiert, wenn Lehrer eine Methode entwickeln („Lernen durch Lehren“, LdL), die Schüler nacheinander an die Tafel stellt und dann die ganze Stunde lang das Klassengespräch moderieren lässt. Die Lerntechnologie selbst ist hier alt: Klassenzimmer, Stuhlreihen, Tafel und Kreide. Aber diese Technologie wird „gehackt“: „Tafel 2.0“ sozusagen. Es ist daher völlig folgerichtig, dass diese Tafel-und-Kreide-Hacker sich jetzt gerade im Web (YouTube-Video) als ein sehr lebendiges und offenes Netzwerk organisiert haben. Obwohl sie im Unterricht erst einmal gar kein Web einsetzen. (Der Informatiker/Mathematiker Christian Spannagel, der im Video erzählt, ist eine treibende Kraft.)

(2) Und man kann die neuen Technologien, d.h. das bereits gehackte Web gezielt einsetzen, um das Bildungssystem umzufunktionieren. Wenn Universitätslehrer die offizielle Universitäts-IT umgehen und sich selbst Wikis einrichten (z.B. hier von Herbert Hrachovec) oder mit den Studenten auf öffentliche Blog-Plattformen ausweichen (wie Heinz Wittenbrink in Graz [#]). Und es geschieht auch dann, wenn das berufliche Weiterbildungssystem über das Web kurzgeschlossen wird. Die Programmierer machen das ja schon immer. Aber inzwischen man kann sich im Web eigentlich schon sehr viel besser das Wissen für einen MBA (Master of Business Adminstration) aneignen als in den teuren MBA-Studiengängen, die überall angeboten werden wie saures Bier. Das Problem ist dann natürlich das Zertifikat. Die Manager brauchen das, noch. In unserer Wirtschaft regiert immer noch die Streber-Mentalität. (Übrigens auch bei Google, wie gerade jetzt heiß diskutiert wird.) Ein guter Web-Programmierer braucht das nicht, er zeigt seine Projekte vor. Dagegen gibt es noch keine eingeführte Form, anderen zu zeigen, dass man ein „Web-MBA“ *ist*, d.h. nicht nur „gemacht hat“.

Vor vielen Jahrzehnten war die Schule das Web

Der Campus, der Schulhof, die Bibliothek, auch das bürgerliche Bücherregal der privilegierten Schüler: Das ist heute alles das Web. Ob es einem passt oder nicht. Und damit ändert sich auch dann alles, wenn man am bestehenden Bildungssystem gar nichts ändert. Die alte Hardware/Software für Lernen waren Gebäude, Flure, Räume mit eingebauter Blickrichtung, Stundenpläne, eine künstlich zugespitzte Aufspaltung in Experten und Nichtswisser. Und lange Zeit war dieses System bei allen offensichtlichen Mängeln (und Schüler und Studenten aller Generationen kannten die sehr gut) eine effektive Maschine. Es gab keine andere. Die einzig mögliche Technologie um Wissen zu formalisieren, zu verteilen und weiterzuentwickeln.

Für meinen Großvater, achter Sohn eines Oberpfälzer Bauern, war die Höhere Schule selbst so etwas wie das heute das Web: Zugang zum Weltwissen. Ein (wenn auch sehr unvollkommenes) Trainingscenter für Schreiben, Rechnen, Reden. Und ein Ort der Freiheit: Nicht arbeiten müssen bis man todmüde ins Bett fällt. (Die Netz-Infrastruktur dafür waren damals Elektrizität, die Telegraphie und das Eisenbahn-Netz.) Dafür wurden dann auch autoritäre, prügelnde Pauker in Kauf genommen.

Die damals brandneuen Reclam-Heftchen waren Google, die Studentenverbindung war das soziale Netzwerk. Für mein jugendliches Selbst war dann sehr viel später die Post-68er-Universität so etwas wie heute das Web: sehr freies Studieren, Suhrkamp-Taschenbücher, „Wohngemeinschaften“ und „Studentenkneipen“ für vernetztes „Diskutieren“, eine Bibliothek, in der man Bücher nach 15 Minuten bekam. In mancher Hinsicht ein Luxus: Es gab Zeit, es gab Geld, das Wissenssystem war geöffnet worden, aber die bürgerliche Bildung lieferte noch fossilen Brennstoff. Wenn man Glück hatte, konnte die Uni damals großartig sein. (Oft passierte aber auch gar nichts.) Es gab noch keine MultipleChoice-Prüfungen, die das geistige Vakuum ersetzen müssen. Eine vergangene Epoche.

Die Bildung hacken

Heute kann ich ganz gut Englisch, aber nur weil ich es nach ein paar Jahren im Web viel besser gelernt habe als in 9 Schuljahren. Lustigerweise auch viel besser reden, obwohl ich im Web nur lese und schreibe. Meine Wissensquellen sind fast nur englisch, auch die Bücher. Heute würde ich gern Mathematik können, weil ich gerne Programmieren können würde, aber ich habe in der Schule sehr wenig gelernt. Heute muss ich in gewisser Hinsicht auch ganz neu schreiben und lesen lernen, weil ich alles nur noch über den Bildschirm mache. (Worauf mich die Pop-Kultur der 1980er übrigens sehr viel besser vorbereitet hat als das Bildungssystem.)

Die Zeit der Schulen, Universitäten und Weiterbildungs-Institutionen wie wir sie kennen, ist vorbei. Nur die werden künftig Erfolg haben, die sich als Katalysator für Weblernen & Selbstlernen verstehen. Daneben bildet sich eine digitale Schattenwirtschaft heraus. Ein OpenSource-Bypass für das versteinerte Herz des Bildungssystems.

Das ist die Lage. Das ist die logische Entwicklung. Und das ist der konkrete Ausgangspunkt, um das einmal auch in Deutschland zu diskutieren, öffentlich im Web: Hacking Education. Die Bildung hacken. Auseinandernehmen, neu zusammensetzen, und mit kleinen Eingriffen umprogrammieren.

Das Projekt haben Basti Hirsch und ich am letzten Wochenende uns ausgedacht und angestoßen. Am Samstag waren wir noch zu zweit, am Sonntag haben wir das fast leere Wiki öffentlich gemacht, jetzt ist es schon eine kleine Community. Die spontane Resonanz war verblüffend. Es wird also irgendeine Veranstaltung geben, Mitte Oktober. Zugleich im Web und im Körper-und-Stimmen-Raum. Ich bin selbst gespannt, was das wird. Bleiben Sie dran.

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Das chinesische Schriftzeichen für „Krise“, sagt Al Gore,  stehe zugleich für „Krise“ und „Chance“. Das erinnert natürlich sehr an die allgemeine Neigung von Management-Philosophen, „Weisheiten“ dadurch außer Kritik zu stellen, indem man sie wahlweise Chinesen, Tibetern oder einem Cree-Häuptling zuschreibt. Man braucht das gar nicht: Heyses Fremdwörtebuch von 1922 definiert „Krise“ als „die entscheidende Wendung einer Sache; bes. der Wendepunkt einer Krankheit, wo entweder ihre Kraft gebrochen wird oder das Leben gefährdet ist“. Man kann auch die Dramentheorie des Aristoteles heranziehen. Oder man liest in der Financial Times nach, die die managementtheoretischen Allgemeinplätze zu „Krise ist eine Chance“ bündig zusammenfasst.

Für das Bildungssystem sollte das im Grunde nichts Neues sein. Es ist ja immer in der Krise, wenn man es ernst nimmt. Lernen heißt, in der Krise sein. Aber jetzt scheint es doch, als sei ein Wendepunkt da: Die totale Krise zwingt dazu, die Dinge von außen zu betrachten. Wenn nirgends mehr „normales Funktionieren“ zu finden ist, nicht in Schule, Uni, Weiterbildung, dann hat es nicht viel Sinn, für viel Geld Beton abzudichten, damit es nicht mehr hineinregnet. Wir stehen bis zumHals im Wasser. Weitermachen ist keine Option.

Mit dem Web gibt es erstmals die Möglichkeit, sich die Welt des Wissens ohne Verschulung vorzustellen. Das ist so, weil es aus Kommunikation und aus Schrift besteht. Es saugt mit rasender Geschwindigkeit die Gutenberg Galaxis auf.

Wenn niemand mehr dem Arzt glaubt, der früher ein „Halbgott in Weiß“ war, weil alle sofort im Web nachschauen, dann ändert sich alles. Schulung, wie wir sie kennen, funktioniert nicht mehr, wenn die Ehrfurcht fehlt. Wenn niemand mehr glaubt, dass das Wissen als geheimer Gral in der Mitte der Institutionen verborgen ist, gehütet von weisen Autoritäten, die manchmal kurz den Schleier heben.
Dass die „Bildung boomt trotz weltweiter Krise“, wie es gerade auf der Online Educa hieß, beweist nicht das Gegenteil. Das ist eine Angstblüte: der Alterstrieb, der im Garten Pflanzen vor dem Verwelken noch einmal kurz und heftig aufblühen lässt.

Ja, die Menschen fangen aus lauter Angst zu büffeln an, lernen Latein und Wirtschaftschinesisch und häufen Zertifikate an. Daraus kann, wer keine Skrupel hat, zweifellos Geld machen, oder staatliche Angst-Milliarden in sein verkrustetes System umleiten. An der Krise selbst ändert das nichts.

Die Bildungs-Blase ist geplatzt. Ob wir wollen oder nicht: Wir werden ganz von vorn anfangen müssen, als Weblerner.

In der Google Galaxis ist der Mittelpunkt der Welt nicht mehr die Institution, sondern immer eine LernerIn, im Hier und jetzt, vor sich einen leeren Bildschirm. Eine Eingabe in das Suchfeld, und sie findet sich inmmitten einer unabsehbaren Wolke von Informationen und Wissen. Und wie weiter? Wir werden sehen …