Seit dem Wochenende gibt es ein Wiki, das ein deutschsprachiges Gegenstück zur „Hacking Education“-Tagung entwickeln soll: http://wwweblern.pbwiki.com Eine selbstorganisierende Konferenz sozusagen, die Mitte Oktober stattfinden soll. Jede/r ist aufgerufen, Ideen und Namen beizusteuern. Die spontane Resonanz innerhalb von 12 Stunden war erstaunlich groß. Was ist der Hintergrund?

Vor einem Monat trafen sich in New York ca. 30 Leute zur Tagung „Hacking Education„. Eingeladen hatte der Start-up-Finanzinvestor („venture capitalist“) und Blogger Fred Wilson. Gekommen waren Gründer von software-getriebenen Weblern-Firmen und ein paar kreative Weblern-Experten und Lerntheoretiker von den Universitäten. Eine geschlossene Diskussionsveranstaltung, acht Stunden lang. (Die Themen sind hier.)

Die Kernsätze wurden via Twitter sofort ins Web gestellt, in Echtzeit, versehen mit dem Kennwort #hackedu (hier kann man alle nachlesen), und sie hatten dort sofort eine enorme Resonanz. Als ob alle darauf gewartet hätten, dass man sich von den gewohnten Bildungs-Diskursen endlich einmal löst und sich unvoreingenommen und radikal fragt, was das bedeutet: „Bildung im Zeitalter des Web“. Seitdem kursieren im Web eine ganze Reihe von Thesen und Kernsätzen, alle nicht länger als 140 Zeichen … Das Transkript der Diskussionen soll bald veröffentlicht werden.

Wieso „Hacking“? Kann das auch etwas Positives sein?

Wenn „Hacken“ so gebraucht wird, wie das OpenSource-Programmierer und MIT-Studenten seit langem tun, bedeutet es: Kreative, unkonventionelle, technisch versierte und lose vernetzte „Einzelkämpfer“ funktionieren spielerisch ein vorhandenes kompliziertes und geschlossenes System für eigene Zwecke um. Das System wird geöffnet. Seine Kraftquellen werden angezapft, die Möglichkeiten anders genutzt als vorgeschrieben.

Dabei setzen „Hacker“ möglichst einfache Mittel so geschickt ein, dass sie maximale Wirkung erzeugen. In diesem Sinn hat etwa Tim Berners-Lee mit der Erfindung des World Wide Web, eigentlich ein Bündel relativ simpler Protokolle und Technologien, das große Internet „gehackt“. In diesem Sinn ist Linus Torvalds, der Inspirator von Linux, ein „Hacker“. Ward Cunningham, Erfinder des Wiki, ist ebenso Hacker, wie Dave Winer, der Blog- und Feed-Pionier. Und natürlich Biz Stone und Evan Wlliams, die zuerst 1999 „Blogger“ und dann 2006 „Twitter“ eher bastelten als im herkömmlichen Sinn der großtechnischen IT „entwickelten“.

Im Mittelpunkt des „Hacker Ethos“ [hier ist ein Zitat] steht – ein bisschen verschwommen, aber doch gut erkennbar – der freie, selbstbestimmte, kreative, spielerische und unternehmungslustige Einzelmensch. Eher nicht Kapitalisten, deren Lebensinhalt Geld ist, sondern Leute, die ihr Hobby wie einen Beruf betreiben. Oder umgekehrt. Die „Web 2.0 Venture Capitalists“ wie Fred Wilson oder Paul Graham sind dann Leute, die ihr kapitalistisches Know-how einsetzen, um solche Start-ups zu fördern. (Das wird ohnehin das Resultat der KRISE sein: Viel mehr kleine, vogelfreie, knapp bezahlte Aktivitäten, aber die dafür mit Überzeugung und stark vernetzt [#].)

Das ganze „Web 2.0“ wird von diesem Hacker-Geist getragen und getrieben. Begriff und dahinterstehende Haltung lassen sich leicht auch auf Inhalte übertragen: Blogger und Microblogger „hacken die Medien“, d.h. sie funktionieren das Mediensystem um.

Was also heißt dann „Hacking Education“, die Bildung hacken? Es bedeutet eine radikal andere sPerspektive, die/den einzelne/n LernerIn radikal in den Mittelpunkt stellt. Nicht den Nutzen, den sich das System vom Lernen/Lehren verspricht, nicht die Perspektive der Lehrenden, sondern „die Nutzer“ selbst. Genau so wie im Web immer schon die/der Einzelne im Zentrum steht: Die leere Google-Seite als Schnittstelle zum Weltwissen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Eine unfassbare Revolution.

Die Bildung hacken: Tafel 2.0 und Web 2.0

(1) Das alte Bildungssystem „hacken“, das heißt seine eigenen Mittel besser zu kennen und zu beherrschen als das System selbst und es dann umzufunktionieren. Wie ein Hip-Hop-DJ den Plattenspieler umfunktioniert. Genau das passiert, wenn Lehrer eine Methode entwickeln („Lernen durch Lehren“, LdL), die Schüler nacheinander an die Tafel stellt und dann die ganze Stunde lang das Klassengespräch moderieren lässt. Die Lerntechnologie selbst ist hier alt: Klassenzimmer, Stuhlreihen, Tafel und Kreide. Aber diese Technologie wird „gehackt“: „Tafel 2.0“ sozusagen. Es ist daher völlig folgerichtig, dass diese Tafel-und-Kreide-Hacker sich jetzt gerade im Web (YouTube-Video) als ein sehr lebendiges und offenes Netzwerk organisiert haben. Obwohl sie im Unterricht erst einmal gar kein Web einsetzen. (Der Informatiker/Mathematiker Christian Spannagel, der im Video erzählt, ist eine treibende Kraft.)

(2) Und man kann die neuen Technologien, d.h. das bereits gehackte Web gezielt einsetzen, um das Bildungssystem umzufunktionieren. Wenn Universitätslehrer die offizielle Universitäts-IT umgehen und sich selbst Wikis einrichten (z.B. hier von Herbert Hrachovec) oder mit den Studenten auf öffentliche Blog-Plattformen ausweichen (wie Heinz Wittenbrink in Graz [#]). Und es geschieht auch dann, wenn das berufliche Weiterbildungssystem über das Web kurzgeschlossen wird. Die Programmierer machen das ja schon immer. Aber inzwischen man kann sich im Web eigentlich schon sehr viel besser das Wissen für einen MBA (Master of Business Adminstration) aneignen als in den teuren MBA-Studiengängen, die überall angeboten werden wie saures Bier. Das Problem ist dann natürlich das Zertifikat. Die Manager brauchen das, noch. In unserer Wirtschaft regiert immer noch die Streber-Mentalität. (Übrigens auch bei Google, wie gerade jetzt heiß diskutiert wird.) Ein guter Web-Programmierer braucht das nicht, er zeigt seine Projekte vor. Dagegen gibt es noch keine eingeführte Form, anderen zu zeigen, dass man ein „Web-MBA“ *ist*, d.h. nicht nur „gemacht hat“.

Vor vielen Jahrzehnten war die Schule das Web

Der Campus, der Schulhof, die Bibliothek, auch das bürgerliche Bücherregal der privilegierten Schüler: Das ist heute alles das Web. Ob es einem passt oder nicht. Und damit ändert sich auch dann alles, wenn man am bestehenden Bildungssystem gar nichts ändert. Die alte Hardware/Software für Lernen waren Gebäude, Flure, Räume mit eingebauter Blickrichtung, Stundenpläne, eine künstlich zugespitzte Aufspaltung in Experten und Nichtswisser. Und lange Zeit war dieses System bei allen offensichtlichen Mängeln (und Schüler und Studenten aller Generationen kannten die sehr gut) eine effektive Maschine. Es gab keine andere. Die einzig mögliche Technologie um Wissen zu formalisieren, zu verteilen und weiterzuentwickeln.

Für meinen Großvater, achter Sohn eines Oberpfälzer Bauern, war die Höhere Schule selbst so etwas wie das heute das Web: Zugang zum Weltwissen. Ein (wenn auch sehr unvollkommenes) Trainingscenter für Schreiben, Rechnen, Reden. Und ein Ort der Freiheit: Nicht arbeiten müssen bis man todmüde ins Bett fällt. (Die Netz-Infrastruktur dafür waren damals Elektrizität, die Telegraphie und das Eisenbahn-Netz.) Dafür wurden dann auch autoritäre, prügelnde Pauker in Kauf genommen.

Die damals brandneuen Reclam-Heftchen waren Google, die Studentenverbindung war das soziale Netzwerk. Für mein jugendliches Selbst war dann sehr viel später die Post-68er-Universität so etwas wie heute das Web: sehr freies Studieren, Suhrkamp-Taschenbücher, „Wohngemeinschaften“ und „Studentenkneipen“ für vernetztes „Diskutieren“, eine Bibliothek, in der man Bücher nach 15 Minuten bekam. In mancher Hinsicht ein Luxus: Es gab Zeit, es gab Geld, das Wissenssystem war geöffnet worden, aber die bürgerliche Bildung lieferte noch fossilen Brennstoff. Wenn man Glück hatte, konnte die Uni damals großartig sein. (Oft passierte aber auch gar nichts.) Es gab noch keine MultipleChoice-Prüfungen, die das geistige Vakuum ersetzen müssen. Eine vergangene Epoche.

Die Bildung hacken

Heute kann ich ganz gut Englisch, aber nur weil ich es nach ein paar Jahren im Web viel besser gelernt habe als in 9 Schuljahren. Lustigerweise auch viel besser reden, obwohl ich im Web nur lese und schreibe. Meine Wissensquellen sind fast nur englisch, auch die Bücher. Heute würde ich gern Mathematik können, weil ich gerne Programmieren können würde, aber ich habe in der Schule sehr wenig gelernt. Heute muss ich in gewisser Hinsicht auch ganz neu schreiben und lesen lernen, weil ich alles nur noch über den Bildschirm mache. (Worauf mich die Pop-Kultur der 1980er übrigens sehr viel besser vorbereitet hat als das Bildungssystem.)

Die Zeit der Schulen, Universitäten und Weiterbildungs-Institutionen wie wir sie kennen, ist vorbei. Nur die werden künftig Erfolg haben, die sich als Katalysator für Weblernen & Selbstlernen verstehen. Daneben bildet sich eine digitale Schattenwirtschaft heraus. Ein OpenSource-Bypass für das versteinerte Herz des Bildungssystems.

Das ist die Lage. Das ist die logische Entwicklung. Und das ist der konkrete Ausgangspunkt, um das einmal auch in Deutschland zu diskutieren, öffentlich im Web: Hacking Education. Die Bildung hacken. Auseinandernehmen, neu zusammensetzen, und mit kleinen Eingriffen umprogrammieren.

Das Projekt haben Basti Hirsch und ich am letzten Wochenende uns ausgedacht und angestoßen. Am Samstag waren wir noch zu zweit, am Sonntag haben wir das fast leere Wiki öffentlich gemacht, jetzt ist es schon eine kleine Community. Die spontane Resonanz war verblüffend. Es wird also irgendeine Veranstaltung geben, Mitte Oktober. Zugleich im Web und im Körper-und-Stimmen-Raum. Ich bin selbst gespannt, was das wird. Bleiben Sie dran.

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Wann ist es in den Zeiten des Web 2.0 keine Geld-und Zeitverschwendung, ein CBT/WBT zu bauen? Als der Blog-Carnival kürzlich nach persönlichen e-Learning-Erfahrungen fragte (hier lesen!), habe ich spontan, aber tief empfunden geschrieben, dass „klassisches CBT-eLearning (vorgefertigte Klicktunnels und MultipleChoice-Tests)“ tot ist.

ele_smiley Ich habe in einem Kurs selbst gelernt, wie man so etwas erstellt, als zertifizierter “e-Learning Autor”, damals im Bubble-Jahr. Fast alle eLearning-Firmen, die ich auf der Learntec 2001 gesehen habe, sind inzwischen pleite. Ihr Angebot? Klicktunnels und LMS-Systeme. Wie sich so etwas dann aus der Sicht eines qualifizierten Mitar-beiters anfühlt, der Datenschutzregeln lernen muss, hat Horst-Dieter Bruhn (Kienbaum-Consultant) sehr lustig hier beschrieben.

Zu meiner allzu salonrevolutionären Bemerkung hat es sehr lesenswerte Kommentare aus den Schützengräben des eLearning gegeben (lesen!). Die Preisfrage ist ja tatsächlich: Unter welchen Voraussetzungen könnten CBTs/WBTs einen Sinn haben? Wie ist das bei Lernszenarien wie: “Steuerungsmöglichkeiten in einer Behörde durch Einführung der doppelten Buchführung” (#) und „6.500 Mitarbeiter müssen weltweit Anfang September die neuen Geldwäscherichtlinien kennenlernen, deren Prozesse bis Ende August beraten und implementiert wurden“ (#)?

Hier sind die Multiple Choice-Antworten dazu, die ich künftigen eLearning-Autoren-Kursen gern zur Verfügung stelle. Welche Punkte müssen erfüllt sein?

1. Der „Wissensstoff“ liegt selbst in programmierter Form, d.h. als Flowchart, vor und ist möglichst selbst auf Bildschirmen zuhause.

2. Der „Wissensstoff“ lässt sich in 10 Grundbegriffen und 10 einfachen Schritten ausdrücken. (Wenn es 15 sind, muss man schon zwei getrennte CBTs bauen.)

3. Die Nutzer fühlen sich tatsächlich selbst überfordert und sehnen sich und nach einem Gefühl von Orientierung und Kontrolle. Idealer Weise dient das sehr kurze CBT der Vorbereitung einer folgenden, intensiven Lernphase, in der man selbst etwas tut (Workshop und/oder kollaboratives Weblernen).

4. Man hat viel Geld und viel Zeit für die Entwicklung. Und sehr gute Interaktions-Designer und Informations-Architekten (das hieß früher „Didaktiker“), den Rat von erfahrenen Praktikern und einen sehr klaren Plan. Und gute Grafiker. Und Texter, die sehr gut und sehr knapp schreiben können. (Am ehesten habe ich gutes klassisches eLearning-Authoring bisher bei der britischen Firma Kineo gesehen. Dort auch viele freie Materialien: Weblernen zu eLearning-Authoring.)

5. Der „Wissenstoff“ soll, muss und kann sehr vielen Leuten in standardisierter Form vermittelt werden soll – entweder weil es sehr viele Lerner gleichzeitig gibt oder/und weil der Wissensstoff sich tatsächlich über mindestens 3 Jahre nicht verändert.

6. Das Klicktunnel-CBT ist genau dazu da, die Antworten für eine Klicktunnel-Prüfung auswendig zu lernen. Form=Inhalt. Für die armen Lerner-Hunde, die ein Zertifikat erwerben wollen und dafür mit Geld und Lebenszeit bezahlen. Das tun sie, solange irgendjemand solche Zertifikate nachfragt, von denen jeder eigentlich weiß, dass sie inhaltlich völlig wertlos sind. (Zum Beispiel: Die Prüfung zum Projektmanager.)

Und hier gehts zur Auflösung unserer Preisfrage, mit ein paar Gedanken, Beispielen und Links: >> mehr.

Clay Shirky, ein in einschlägigen Kreisen zu Recht berühmter Web-Intellektueller und Professor aus New York, hat jetzt gerade einen Essay über die Zukunft der Zeitungen; geschrieben: „Newspapers and Thinking the Unthinkable“.

Er vergleicht die Zeit um 2009 mit der Zeit um 1499: Das digitale Text-Universum des Web verdrängt jetzt gerade die Buchdruckkultur, wie damals nach Gutenberg der Buch- und Flugblattdruck die Mönche und Klöster verdrängte.

Shirky sagt, schlagwortartig zusammengefasst: Die Zeit der Zeitungen, wie wir sie kennen, ist vorbei. Aus zwei Gründen:

(1) Ihr Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. Früher wurden die Leitartikel und das Feuilleton und das Büro in Bagdad finanziert durch Kleinanzeigen und Werbe-Doppelseite für das neueste Automodell.

(2) Sie sind überflüssig geworden, weil die textförmige Information, die sie früher exklusiv vermittelten, jetzt überall im Web zugänglich ist. Es ist wahr, dass hier wertvolle Strukturen der Kritik und Meinungsbildung und vielleicht sogar ein ganzer Pfeiler der demokratischen Gesellschaft wegbricht, aber so ist es eben. Wenn wir die demokratische Gesellschaft retten wollen, müssen wir Experimente vorantreiben, nicht Experimente verhindern.

Was kommt also heraus, wenn man in Clay Shirkys Essay den Begriff „Zeitung“ konsequent ersetzt durch „Bildungssystem“? Wenn man wie er das Undenkbare probeweise einmal denkt und hinschreibt? Denn eigentlich muss uns allen ja klar sein: Der digitale Umbruch wird jetzt revolutionäre Folgen für unsere Lern- und Wissensordnung haben. Genauso wie der Buch- und Flugblattdruck das Schul- und Bildungssystem des Mittelalters in wenigen Jahrzehnten vollkommen zerstörte.

Das Web gibt es seit 20 Jahren. Es ist eigentlich recht wahrscheinlich, dass wir in weiteren 20 Jahren unsere Schulen, unsere Universitäten, unsere „berufliche Weiterbildung“ nicht mehr wiedererkennen werden. Ob ich das glaube? Nun, ich bin ein grauhaariger Mönch, der staunend zusieht, wie sich alles ändert. Es fällt mir fast genauso schwer, mir den kommenden Umbruch vorzustellen, wie es einem Banker noch 2008 schwer gefallen ist sich vorzustellen, dass das Weltfinanzsystem zusammenbricht.

Im Folgenden habe ich ein paar Passagen aus Shirky’s Essay übersetzt und auf das Bildungssystem bezogen. Nur aus Neugierde, um zu sehen, was herauskommt, wenn man versuchsweise das ausspricht, was undenkbar und offensichtlich zugleich ist:

( >> mehr)

Das ist die aktuelle Frage beim zweiten „Blog-Carnival“, bei dem jede/r mitmachen kann und soll (Infos hier). Die Fragen diesmal: Das letzte Erlebnis mit „E-Learning“. Was man darunter versteht. Ob es selbstorganisiert war oder nicht, der Stoff vorgekaut oder nicht. Hast du es allein getan oder mit anderen? Ob es geholfen hat. – Und hier meine Antworten dazu:

Ja, im Web lerne ich natürlich jeden Tag dazu. Aber es ist sehr schwer, diese Lernresultate dann auch selbst zu greifen. Ich bin oft frustriert deshalb. Das geht nur, wenn ich das Lernprojekt-Ergebnis irgendwann selbst blogge, ins Wiki stelle usw.

Ich habe kürzlich mal zufällig ein hübsches Applet gesehen, in dem man die Brown’sche Molekularbewegung sehen konnte. Und gerade erst habe habe ich ein kleines Stück JavaScript in einer echten eLearning-Lektion gelernt (wie man ein TiddlyWiki Plugin baut, hier). Den Link habe ich auf einen Blog-Kommentar hin vom Entwickler bekommen, der spontan die Lehrer-Rolle übernahm (hier). Übrigens gibt es auch ein großartiges TiddlyLearning-Software-Projekt.

Ansonsten lerne ich gerade, was „Meme“ sind. Aber das weiß keiner so genau, es ist also eher selbstorganisiertes Studium, so wie früher in der Universität. Klassisches Web 2.0: Bookmarking/Tagging und dann durch das Erstellen eigener Blog- und Wiki-Einträge wie diese Mem-Definition hier. Der MIT-Medien- wissenschaftler Henry Jenkins hat dazu gerade einen Aufsatz in acht Blog-Posts zerlegt und online gestellt. Davon lerne ich sehr viel, obwohl oder weil ich in einigem nicht seiner Meinung bin.

Wenn ich einmal genau weiß, was Web-Meme sind und wie sie funktionieren, kann ich mir schon vorstellen, daraus einen Online-„Kurs“ zu machen. Da müsste ich dann überlegen, in welcher Form das am besten geht. Auf jeden Fall mit Eigenstudium, Projektarbeit, auch mit Experimenten. Aber wiederum: Das ist ein Web-Thema, das passt natürlich ins Web. Es wäre etwas anderes, wenn es darum geht, wann und wie man Mandeln operiert. Da wären sicher Fallstudien und Videos am besten. Am schwierigsten sind die echten Wissensarbeiter-Inhalte: was man nicht einfach zeigen kann und was sich nicht selbst bereits in der Anwendung von PC/Web-Software erschöpft.

Ich glaube, dass klassisches CBT-eLearning (vorgefertigte Klicktunnels und MultipleChoice-Tests) reine Zeit- und Geldverschwendung ist. Ich habe in einem Präsenz-Kurs selbst gelernt, wie man so etwas erstellt, als zertifizierter „e-Learning Autor“. So etwas wird immer dann gemacht, wenn man die Lernenden für dumm und/oder undiszipliniert hält. Die Lernenden merken das aber unterschwellig, und meistens hassen sie deshalb das Produkt (bewusst oder nicht). Manche Lerner mögen das, sie suchen Orientierung und bekommen gerne Punkte und Noten, aber die lernen natürlich in Wirklichkeit auch nichts.

Nein, ich habe als Lerner selbst keine Erfahrungen mit „virtuellen Klassenzimmern“ wie Moodle gemacht (aber als Lehrender schon). Ich glaube, dass sie eher schlecht und selten funktionieren (Lehrer-Meinung dazu hier), und wenn, dann nur mit Lernern, die selbst noch kaum Web-Erfahrung haben und deshalb bereits diese begrenzte, schlecht designte Funktionalität kurzzeitig toll finden können. Meine 12jährige Tochter hat das in der Schule noch nie gemacht, aber sie würde es hassen, vermute ich.

Was sie gut finden würde: Wenn sie das Referat, das sie gerade zum Thema „Wölfe“ mit ihrer Freundin für die Schule bastelt, auf einer eigenen Website veröffentlichen könnte. Wenn man ihr zeigt, wie man Inhalte verlinkt, Copy & Paste usw. Aber bis jetzt lernen sie nur (immerhin) Powerpoint und Word und benutzen (auf eigene Faust und daheim!) Wikipedia und Google.

Ich habe mal einen Projekt Management (PM)-Kurs gemacht. PM würde ich eher ungern mit altem e-Learning in Form von Lektionen lernen, v.a. deshalb, weil der Lernstoff selbst (der nämlich, der geprüft wird fürs Zertifikat) grauenvoll ist, didaktisch wie inhaltlich. Es gibt dazu CDs mit 1000 Multiple Choice-Fragen als Vorbereitung. Ich habe immer noch kein Zertifikat gemacht.

Daraus ist aber die Idee geboren, selbst „PM 2.0“ zu lehren (was das ist, kann man wieder im Web herausfinden, etwa mit diesen Links). Das probiere ich am 14.5. in Wien aus (S.24 in diesem Katalog). Der Kurs IST dann selbst ein Projekt. Mit ständiger Anwendung von Web 2.0-Tools wie Twitter, leichtgewichtigen Planungs-Templates usw. In meinem PM-Kurs gab es ja (gottlob) nicht einmal altes e-Learning, nur ausgedruckte Powerpoint-Folien.

Der Anbieter Primas denkt allerdings gerade (mit meiner Hilfe) darüber nach, wie man (a) die Ressourcen der Kurs-Dozenten online kollaborativ anlegen und bearbeiten kann (von docs ins Wiki, was wieder zur ersten Lerngeschichte führt) und wie man (b) die Erfahrungen der Kursteilnehmer, die ehrlich gesagt interessanter waren als der gelehrte „Stoff“, sozusagen „ernten“, speichern und anreichern könnte, so dass quasi der PM-Kurs selbst immer schlauer wird, mit jedem Mal, wenn er durchgeführt wird. Davon würde die Anbieter-Firma selbst profitieren, und nebenbei würde sich eine Community of Practice aus „Ehemaligen“ bilden. (Das entspricht dem, was Teemu Arina hier vorschlägt.)

Lila Rosa im Shift-Blog greift ein hübsches Web-Video auf, das Ralf Appelt zum „Prinzip Baustelle“ gepostet hat:

„Das alte Prinzip, fertige Lehrgänge an einer Klasse bzw. einer Seminargruppe – mit einigen Anpassungszugeständnissen an die konkrete Gruppe – zu exekutieren, hat sich als untauglich erwiesen. Mit der Always-Beta-Erkenntnis können wir stattdessen die Lernenden an der Gestaltung ihrer Lernprozesse beteiligen. Die pädagogische Professionalität besteht dann … in der Organisation von Lernprozessen.“

Das stimmt überall, auch in Unternehmen. Wichtig ist hier auch der Einwand des gesunden Menschenverstands, den ein Lehrer im Kommentar vorbringt: „Diesen Fortschritt kann ich nicht erkennen. Ich mag fertige Produkte, ob beim Autokauf, bei Software oder im Unterricht. Schreiben wir einmal Beta-Diplomarbeiten, bauen Beta-Häuser oder liefern Beta-Mandeloperationen?“

Das ist ein Mißverständnis. Die Software, die noch nicht so gut funktioniert, dass man sie Normalnutzern zumutet, heißt „Alpha-Version“. (Das hat übrigens auch Lila Rosa verwechselt 😉 …)

Die „Beta-Version“, die dann 2005 zu einem Kernpunkt von TimO’Reillys berühmter Web 2.0-Definition wurde, ist die erste voll funktionsfähige Testversion, von der man annimmt, dass man sie aufgrund der Rückmeldungen noch laufend weiter verbessern wird. Und weil diese Rückkopplungsprozesse bei den neuen Web-Applikationen so dicht geworden sind, gab es auf einmal gar keine „fertigen“ Versionen mehr. Bei Mandeloperationen ist das übrigens durchaus ähnlich (aber von denen kommt man inzwischen sowieso mehr und mehr ab).

Aber der Kommentar bringt den Umbruch sehr gut auf den Punkt. Ja, es stimmt: Wissen wird kein „fertiges Produkt“ mehr sein (und in Wahrheit war es das noch nie). Wir werden uns Wissen nicht mehr als etwas vorstellen, das mit fertigen Autos vergleichbar ist. Ebensowenig wie die neue Permanent Beta-Web2.0-Software: Die funktioniert eben nicht mehr wie Microsoft Office, sondern baut gezielt menschliche Netzwerk-Interaktionen in die technologischen Prozesse ein, um Wissen ständig weiter zu filtern, zu verarbeiten, anzureichern und neu hervorzubringen.

„Was man jetzt überlegen muss in Schulen, in Unternehmen: Was tun die Leute wirklich, wenn sie lernen und wissensarbeiten, d.h. wenn sie vor dem Computer sitzen? Also nicht: Was sollen sie tun. Und nicht: Was glauben sie selbst, dass sie tun. Und da stellt sich eben heraus, dass ihr Tag, ihr Workflow, ihr Informations- und Wissensprozess aus sehr vielen kleinen Fragmenten besteht. Und um die dann wieder zusammenbringen, dafür ist jetzt jeder selbst allein verantwortlich. Früher haben das Bücher erledigt, oder eben ‚der Apparat‘. Das ist vorbei. Das Problem ist ja: Wir haben Makro-Strukturen und leben in einer Mikro-Wirklichkeit.“

Undsoweiter in dieser Art. Hier ist ein kurzes YouTube-Interview vom Rand der Online Educa, in dem ich in 6 Minuten versuche zu sagen, was es mit „Microcontent“, „Microinformation“ und „Microlearning“ im neuen digitalen Ökosystem auf sich hat.

Tatsächlich sehe und verlinke ich mich ungern (Bad Hair! Nerviges Augenschließen beim Formulieren! …). Hier habe ich mich überwunden, es doch zu tun, denn es scheint so, dass ich mündlich und spontan die Grundideen einfach besser auf den Punkt bringe. Wenn ich versucht hätte, das gezielt aufzuschreiben, hätte es lang gedauert und es wäre schlechter geworden. Danke, Basti Hirsch! (Der hat die Fragen für die sehr empfehlenswerte Scope-Expertengespräch -Reihe gestellt und denkt mit seinen „bildungsburg“-Kollaborateuren gerade über eine Uni 2.0 nach.)

Fußnote: Lustig, dass die Art zu reden hier ein wenig an den alten Dutschke-Tonfall der 1968er erinnert, völlig unabsichtlich natürlich. Das hat mich ja in meiner 1970er-Jahre-Provinz-Jugend nur noch als sehr verdünnter Abglanz erreicht. Aber irgendwie passt das sogar: Wenn es so etwas wie eine Umwälzung gibt in dieser völlig in alten Routinen erstarrten Gesellschaft, in den Unternehmen, Universitäten und Schulen, dann findet sie gerade im Web statt, software-getrieben.

Ich habe es ja schon gesagt: Weblernen (manchmal auch „e-Learning 2.0“ genannt) ist ein Thema, das in der deutschsprachigen Web-Gemeinschaft viel intensiver und dichter diskutiert gehört. Das sind hier 100 Millionen lebenslange Lerner! Und dazu gibt es nur ein paar recht verstreute Blog-Beiträge, die nicht selten zu sehr auf die eigene Nische bezogen sind.

Was es braucht, ist ein großes gemeinsames Web-Gespräch von Web 2.0-Enthusiasten, Leuten aus Unternehmen (Training, Weiterbildung, Wissensarbeit), e-Learning 2.0-PraktikerInnen aus den Universitäten und LehrerInnen, die auf eigene Faust an der Schule 2.0 basteln.

Als kleiner Beitrag, damit das in Gang kommt, hier zwei Seiten für den Überblick:

WWWeblernen auf Netvibes.com: Die letzten Beiträge aus 17 deutschsprachigen Blogs als Schlagzeilen

Damit ich (und alle anderen) auf einen Blick sehen kann, über was geschrieben und diskutiert wird: die besten deutschen Weblern-Blogbeiträge auf einer Seite, als Schlagzeilen zum Anklicken: Hier ist der Link zur wwweblernen-Seite auf Netvibes.

Sichtbar sind jeweils die drei letzten Beiträge der besten deutschen Weblern- und Wissensarbeits-Blogs. (Ok, die Auswahl ist subjektiv und ist dort kommentiert. Da bitte auch weitere Blogs im Kommentar empfehlen!)

WWWeblernen auf suprglu.com

Die besten aktuellen Blogbeiträge zum Thema, als Link-Blog und Schlagzeilen-Mash-Up, mit Kommentaren, finden sich auf dieser Seite.

Da landen dann alle Links zu Beiträgen aus deutschsprachigen Blog-Posts, die mir zum Thema Web-Lernen aufgefallen sind, mit Kurzkommentaren, warum ich sie wichtig finde. Sie werden automatisch laufend aktualisiert.

Wem das nicht genug ist: Zwei geistesverwandte Mash-up Seiten hier – Anja Wagners Edufuture-Mash-up und Martin Ebners Edublogs-Mash-up (viele englische dabei).

(Notiz für Fortgeschrittene: Die Mash-up Seite von Suprglu zeigt die aktuellen Links, die über del.icio.us.com mit dem Tag „_wwweblernen“ markiert sind. Wer auch delicious benutzt, oder auch Mr.Wong benutzt: Bitte alle interessanten Webseiten und Blogposts zum Thema Weblernen mit „_wwweblernen“ oder mit „wwweblernen“ auszeichnen. Auch diese kommentierte Links landen dann automatisch auf der Mash-up Seite.)