Netzwerk-Erlebnisse sind die Urerlebnisse des Web. Für Digitale Immigranten wie mich ja immer noch magisch und unbegreiflich, dass das geht: Dass auf einmal ganz schnell „weak ties“ zu wildfremden Personen in aller Welt hergestellt werden können (bis vor kurzem war das für mich eng an die englische Sprache geknüpft) und dass man sich so plötzlich in einem aufgeladenen und angreicherten Lebensraum wiederfindet:

2000, als ich gerade mit meinem freundlichen iMac im Web war, hatte ich mein persönliches Erlebnis: Mir gefiel damals das Konzept von „criss-crossing the knowledge landscape“, also sich Wissen als Durchstreifen einer Landschaft vorzustellen (nicht als englischen Park). Die Apple-Metasuchmaschine („Sherlock“) brachte mich auf Rand Spiro’s „cognitive flexibility“-Theorie, die besonders geeignet sein sollte für „komplexe und schlecht definierte Felder“. Also alles, was interessant ist. Ich wollte damals wissen, wo die Metapher herkommt. Die e-Mail-Adresse stand da, Universität von Illinois, und ich habe ihm eine Mail geschickt.

Eine Stunde später hatte ich die Antwort: Er hatte die Metapher von Wittgenstein, aus dem Vorwort der Philosophischen Untersuchungen. Und wir tauschten noch ein paar Gedanken dazu aus. Und weil ich mich damals ausgerechnet (!) mit Wittgenstein beschäftigte, aber das nicht erkannt hatte, hat mich das damals völlig umgeworfen. Eine Rückkopplung, völlig unvermutet, ermöglicht durchs Internet (Suche + Mail). Und das elektrisierende Gefühl von Scientific Community mit einem mir vorher (und nachher) völlig unbekannten amerikanischen Professor, jetzt und sofort. Überwältigend für jemand, der gerade aus der deutschen Gutenberg-Universität kam.

Die Wittgenstein-Stelle ist übrigens großartig und gehört zum Thema, weil sie das Web vorwegnimmt. Er habe nämlich kein geschlossenes Buch schreiben können, sagt Wittgenstein, weil ihn die Natur der Untersuchung gezwungen habe, „ein weites Gedankengebiet, kreuz und quer, nach allen Richtungen hin zu durchreisen. Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftsskizzen, die auf diesen langen und verwickelten Fahrten entstanden sind. Die gleichen Punkte, oder beinahe die gleichen, wurden stets von neuem und von verschiedenen Richtungen her berührt und immer neue Bilder entworfen.“ Daraus ergibt sich seine Didaktik, die wie gemacht ist für das Web: „Ich zeige meinen Schülern Ausschnitte aus einer ungeheuern Landschaft, in der sie sich unmöglich auskennen können.“ (#)

Jetzt müsste ich davon erzählen, wie ich 2003 die amerikanische Blogosphere entdeckte und Anfang 2007 dann die neue Twittersphere (seinerzeit noch ein vorindustriell gemütlicher Raum, dessen Netzwerk-Erlebnisse dort ich hier beschrieben habe).

Ein persönliches Netzwerk entstand damals, eine konstante, aber sich ständig verändernde Wolke aus Kommunikationen, zuerst englischsprachig und eigentlich erst seit diesem Jahr auch auf deutsch. Ständig passierte etwas Unvermutetes, sprangen Funken, entstanden unvermutete Kettenreaktionen. Eine völlig neue Existenzweise als digitaler Wissensarbeiter: in Echtzeit angeschlossen sein an Denkprozesse, Informationskreisläufe, auch Energiefelder.

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Der „Netzwerk-Effekt“: Was ist das? Wie fühlt sich Web-Feedback an? Und wie hat es mich vorwärts gebracht?

Jetzt also auch hier mein Aufruf für die 4. Ausgabe des WissensWert Blog Carnival (im Original dort). Bloggen, twittern, kommentieren!
(Wie geht das? Siehe unten.)

Was heißt das eigentlich: „vernetztes Wissen“ und „vernetztes Lernen“? Welche ganz konkreten Netzwerk-Erlebnisse stecken dahinter? Was passiert da genau, wenn aus dem Web ein Funken überspringt?

„Vernetzt“ ist ja längst einer dieser verbrauchten und verwaschenen BullshitBingo-Buzzwords, die wir alle im Mund führen ohne etwas Konkretes damit zu meinen: Irgendwie Internet halt, Neuronen im Hirn, Gschaftlhuberei mit e-Mail und Xing und StudiVZ.

Aber es stimmt doch: Man erlebt ja im Web und durch das Web wirklich völlig neue Netzwerk-Effekte. Es passiert ja wirklich immer wieder, dass plötzlich aus einer Bündelung loser Verbindungen, die für sich genommen gar nichts Besonderes sind, eine neue Qualität entsteht. Ein elektrisierender Impuls. Und danach ist da plötzlich eine Idee, ein Projekt oder eine ‚Community’, die es anders nie gegeben hätte. Was geschieht da, ganz konkret?

Hatten Sie solche Web-Urerlebnisse? Prägende Netzwerk-Erfahrungen? Was erzählen Sie, wenn Sie eine Vorstellung davon geben wollen, was das Besondere am Web ist? Wodurch entstehen solche Effekte, und (genauso interessant) wann entstehen sie eben nicht? Was muss gegeben sein, damit zwischen vorher isolierten Knotenpunkten auf einmal Strom fließt? Geht es hier mehr um vernetzte Ideen oder um vernetzte Personen? Welche Software begünstigt so etwas, und welche eher nicht? Oder geht Ihnen die ganze „Netzwerk“-Euphorie auf die Nerven? ….

Wenn Ihnen jetzt dazu irgendetwas einfällt, schreiben Sie es auf, schnell, spontan, provisorisch. Das Web 2.0 ist eine Party, ein anregendes Stimmengewirr. Bloggen Sie, twittern Sie, mailen Sie. In 140 Zeichen, in 5 Sätzen oder in ein paar Paragraphen.

Als Blogpost: Einen Link auf diesen Carnival-Aufruf setzen. Am besten dazu auch noch mailen oder twittern. Wenn Sie mögen, können Sie „WissensWert BlogCarnival #4“ im Titel einfügen. Als Kommentar: Schreiben Sie Ihre Gedanken oder Ihre Story unten als Kommentar, al fresco. Per Mail: Schicken Sie Ihren Text, wenn Sie selbst kein Blog haben. Via Twitter: Twittern Sie was Ihnen dazu einfällt. Dann aber bitte mit #wissenswert taggen, damit wir das mitbekommen. Mail: write2mlindner {at} googlemail.com

Dieser WissensWert Blog Carnival öffnet am 2. Mai und schließt am 30. Mai 2009. Gastgeber der 4. Ausgabe bin ich: Martin Lindner. Ich kommentiere die Links und die Ergebnisse jede Woche auf dem wissenswert-Blog und fasse Anfang Juni alles in einem Editorial zusammen.

Twittern oder Nicht-Twittern? Ist Twitter wichtig für Lernen? Wenn ja, warum? Hat es überhaupt irgendetwas mit Lernen zu tun? Kann oder soll man es in der Lehre als „Instrument“ einsetzen? Und natürlich die Urfrage: Wofür ist Twitter überhaupt gut? Die Antworten dazu in Kurzform: Twittern. Ja. Kompliziert. Hängt vom Begriff von „Lernen“ ab. Nein. Falsche Frage.

Twitter ist anders.

Das unscheinbare Twitter-Ding (so weit entfernt vom Mainstream-Phänomen wie der dt. Kanufahrer-Verband, Link repariert) ist deshalb so wichtig im Web, weil es eine neue Informations-Ökologie herstellt. Eine ganz neue Welt. Ein andere Art von „Netzwerk“, das eben nicht aus virtuellen Visitenkarten besteht (wie Xing) und einen nicht in einem künstlichen Raum mit vorgestanzter Sprache und Subkultur festhält (wie Facebook, von StudiVZ gar nicht zu reden).

Die Twitter-Welt ist auch ganz anders als die E-Mail-Welt, die Microsoft Office-Welt, die Instant Messaging-Welt, die Messageboard-Welt. Auch anders als die Browser-Welt. Sie ist auch anders als die SMS-Welt, obwohl es ja die 140 Zeichen von dort übernommen hat und obwohl die Stärke gerade ist (und v.a.sein wird), dass sie übergreifend funktioniert, auf PCs und auf Handys.

Twitter vernetzt anders. Es ist nicht „schon wieder ein neues soziales Netzwerk“. Nicht umsonst heißen die Kontakte „Followers“, nicht „Friends“. Das fühlt sich viel entspannter an als in anderen Social Software-Applikationen, wo das „Wer kennt wen“ im Mittelpunkt steht und Austausch erst auf dieser Grundlage erfolgt. Twitter bildet keine verbindliche soziale Struktur ab außer der losen Vernetzung derer, die sich mit halbem Ohr zuhören. Und weil jede/r anderen zuhört und keiner genau weiß, wem genau die anderen zuhören und auf wen sie reagieren, verfestigt sich das eben nicht zur „Clique“ (oder auch zum „Kurs“).

Twitter ist eine Wolke.

Twitterer „schicken“ sich nicht mehr „Botschaften“, sie „sind im Web“, auf eine ganz neue Weise. Beiläufig und radikal zugleich. Am ehesten vergleichbar mit schnellen mündlichen Nebenbei-Kommunikationen unter Leuten, die man mag und interessant findet. Stellen wir uns eine Party vor, auf der viele Leute wechselnde kleine Grüppchen bilden. Stellen wir uns vor, dass aus diesem großen Murmeln und Zwitschern Kernsätze für kurze Zeit sichtbar über den Köpfen aufleuchten (wie hier). Eine sich ständig verändernde Wolke aus nachhallenden Mikrotexten. Dann verblassen die, und neue erscheinen.

Und stellen wir uns vor, diese Party findet in einem „Smart Room“ statt (ein Lieblingskonzept der „Pervasive Computing“-Leute, Urtext hier). Also ein Abhörsystem nimmt einfach alles auf und speichert es wahllos. Wie die Stasi, wie Big Brother oder noch genauer: wie Andy Warhol („… and taping it all„). Und immer, wenn jemand etwas sagt, werden alte „Tweets“ (Zwitscherer, Mikro-Aussagen) kurz wieder aktualisiert. Ein Resonanzraum. Man kann auch nach alten Tweets suchen. Dann antwortet der Raum. Und so geht es immer weiter.

Und jetzt stellen wir uns das einmal konkret vor. Bei einer Party. In einer Disco. In einem Klassenzimmer. In einem Besprechungsraum. In einer Firma. In einem Partei-Hauptquartier. In einem Stadtviertel. Haben Sie das? Können Sie sich das vorstellen? So, und jetzt lassen Sie einfach den „realen“ Raum weg. Das ist dann Twitter.

MicroWeb

Twitter selbst ist kein Tool mehr. Es ist eine Plattform. Eigentlich sogar ein Web im Web. Vorgeschmack auf das, was nach dem alten Web 2.0 kommt. Das MicroWeb (#, #). Das LiveWeb (#,#). Ob Twitter nach dem Hype als Marke und Firma selbst bleiben wird oder nicht: das MicroWeb geht nicht mehr weg.

Die eigentlichen Tools sind die verschiedenen Twitter-Clients: Thwirl ist ganz anders als Tweetdeck. Die Handy-Applikation ist ganz anders als das Web-Interface, usw. Und dazu kommen die ganzen neuen Twitter Such- und Vernetzungsapplikationen, die Mash-ups. Das ist kein „Tool“ mehr, noch nicht einmal eine einzelne Applikation, sondern ein Bündel aus vielen Anwendungen, die alle mit diesem Rohstoff arbeiten: in die Luft gesprochener Mikrotext, der Wolken und Kettenreaktionen bildet.

Jede dritte (!) Web 2.0-Applikation in 2009 ist bislang ein Twitter-Derivat, hat der brilliante Markus Spath festgestellt, dem man auch auf netzwertig unbedingt folgen sollte.

Sage und schreibe: „Sprechen mit Text“.

Twitter ist wie eine offene, unendlich große Party. Nur dass die Kommunikation nicht mündlich ist, sondern buchstäblich. Aber zugleich eben auch nicht schriftlich im gewohnten Sinn: “We’re not writing, we’re speaking with text” (Erica Hall, hier zitiert). Und das macht einen großen Unterschied.

Man schickt sich eben nicht “Botschaften”, man “veröffentlicht” Mikro-Statements. (Direct Messages in Twitter sind ein Sonderfall.) Man macht Aussagen und stellt sie in die große Wolke über den Köpfen. Trivial-Haikus, sozusagen, oder auch Alltags-Mikro-News. Das bedeutet einen entscheidenden Schritt weg vom eigenen Ich, anders als bei StudiVZ. Die „Personen“ sind hier genau das, was sie sagen. (Und was sie in den letzten 2 Monaten oder so gesagt haben.) Sie verändern sich dabei auch laufend.

Es geht also um Mikrotexte, nicht mehr um spontane “Ich-drück-mich-irgendwie-aus”-Sprache (wie in IM, wie in Social Platforms, wie sogar noch in manchen Tagebuch-Blogs). Mit dieser Selbstdistanzierung fühlen sich viele unwohl: Twitter-Begeisterte sind Literaten, ob sie es wissen oder nicht, und die Mehrzahl ist über 30. Viele sind sogar über 45 (wie ich).

Die Digital Natives dagegen? O Tempora. „Die Juchend von heute twittert nicht. Die chattet und simst bloß.“

Twitter in der Lehre?

Twitter-Schulung wäre entscheidend für “digital literacy”. (Ich weiß nie, wie man das deutsch übersetzt?) Aber Twitter ist sicher kein „Instrument“ für „Lehre“ als „Vermittlung von Stoff“. Man kann sich allerdings fragen, ob „Vermittlung von Stoff“ nicht eh eine tote Metapher ist, die zu einer versunkenen Medien-Welt gehört.

Was bedeutet es also, wenn man Twitter in Lern-Szenarien „einsetzt“ (hier, Kommentare lesen!). Das bedeutet, damit experimentieren zu lassen, wie das ist, wenn in einer Wolke aus schnellen Mikro-Texten ständig kleine und kleinste Impulse sich ereignen, sich anstoßen, und dabei kleine Kettenreaktionen ablaufen. Das erzeugt eine allgemeine Atmosphäre, in der Kommunikationen und Ideen passieren können.

Und das wirkliche Leben?

Ich behaupte: Twitterer haben im Vorher/Nachher-Vergleich mehr „wirkliche“ soziale Kontakte, nicht weniger. Auch im Meatspace. Vielleicht telefonieren sie weniger.

Kann man andere Microblogging-Plattformen verwenden?

Im Prinzip ja. Erfahrungsgemäß bisher eher nein. (Schwierige Frage, die einen eigenen Blogpost braucht.) Wichtig: Das radikal Offene, das Beiläufige, das Spielerische, das Durcheinander, das muss alles erhalten bleiben, damit das Ökosystem funktioniert. Jedes neue Feature kann ein Feature zu viel sein. Bis jetzt hat Twitter selbst, also das Original, die Balance am idealsten erwischt.

>> vgl. auch meine kurze Einführung zu „Mikrolernen“ (downloadbar)

Selbstlerner sind arme Schweine. Nichtlernen ist in unserer Gesellschaft ja ein eingefleischter Reflex, wie Alkoholismus. Unser Bildungssystem baut auf Fremdlernen auf: „Hier bekommen Sie gelernt.“ Das hat Folgen, die jeder von uns spürt, und eben nicht nur die armen PISA-Verlierer.

Gedankenspiel: Was wäre, wenn wir uns in Online-Selbsthilfe-Communities organisieren würden? Wenn wir uns als Anonyme Nichtlerner begreifen, wie die Anonymen Alkoholiker, deren Graswurzel-Regelwerk (12 Traditionen) übrigens hochsympathisch ist? (Und hier sind AA-Comics von 1970.) Wenn man das Pathos einfach selbstironisch übernimmt? Dann käme in etwa Folgendes heraus:

Präambel:

Wir wollen Vieles lernen, und lernen am Ende doch weniger als wir hoffen und wollen.

Wir investieren viel Zeit und Geld in formale Bildung und Weiterbildung und sind am Ende doch immer enttäuscht, wie wenig uns das nützt.

Wir finden Vieles faszinierend, aber allein kommen wir schlecht weiter. Ständig verlieren wir den Faden.

Als Nicht-LernerInnen sind wir isoliert und verwirrt. Wir sind in der Gruppe, weil wir uns gegenseitig helfen wollen, die eigene Isolation und Verwirrung zu überwinden.

Wir wollen lernen, aber nach unseren eigenen Bedingungen, nach unseren eigenen Bedürfnissen.

Dafür stehen die 10 Traditionen der Anonymen Nichtlerner:

1. Die Gruppe besteht aus Kommunikationen. Die Gruppe ist ein Lebewesen. Ein lernendes Netzwerk. Wenn die Gruppe am besten lernt, lernt auch jede/r einzelne am besten.

2. Sei enthusiastisch. Sei freundlich. Sprich und schreib immer mit deiner eigenen Stimme: entspannt, direkt.

3. In der Online-Gruppe verwenden wir grundsätzlich Nicknames,ob wir uns ‚draußen‘ kennen oder nicht. Sie geben uns die Freiheit, dumm dazustehen.

4. Frag dich bei jeder Gruppenkommunikation: Was ist der einfachste nächste Schritt, der jetzt gerade gehen könnte (gedanklich oder als Arbeitsschritt)? Wie bringe ich unser Lernprojekt hier nach vorn mit dem, was ich jetzt sage/schreibe/tue?

5. Ideen darf man immer einfach hinschreiben. Trau dich, offen und abseits der üblichen Pfade zu denken. Sei spontan, hab keine Angst vor Irrtum. Keine Rechtfertigung dafür nötig.

6. Wir sind jetzt ein Team mit einem gemeinsamen Projekt, das täglich in einem gemeinsamen (Web-)Arbeitsraum arbeitet – immer solidarisch nebeneinander, so oft es geht miteinander.

7. Versuche, an 5 von 7 Wochentagen Lebenszeichen zu twittern, die sich auf das gemeinsame Lernprojekt beziehen: Jammer- und Freudenlaute, flüchtige Gedanken, Links, Ermutigungen, freundliche Kritik … was immer.

8. Bezieh dich auf die anderen. Verwende Links zu Gruppen-Statements und Gruppen-Inhalten, so oft es irgendwie geht.

9. Das Netzwerk ist der Mehrwert. Niemand ist der Boss. Wir übernehmen reihum und abwechslend die Gruppenfunktionen.

10. Das Ziel der Gruppe ist es, am Ende ein gemeinsames, greifbares, öffentliches Stück Wissen hergestellt zu haben. —

So, und jetzt noch die 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker lesen:

„2. Schritt
Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.“

Das wäre dann ja wohl das Web. Die Cloud. Amen.

„Building Bildung With Software“ – das ist abgeleitet vom Blogpost-Klassiker von Joel Spolsky: „Building Communities With Software“ (2003). Der fragt sich dort: Wie baut man im Web einen „Ort“, an dem sich Leute gern treffen? So etwas wie die alten Cafes und Parteilokale in toskanischen Kleinstädten? Das, was es „in echt“ in unserer suburbanen Welt längst nicht mehr gibt?

Und die entscheidende Einsicht ist: Es reicht eben nicht, gutwillige Leute zu haben. Der sympathische und naive Satz „Das Web 2.0 besteht aus Leuten“ / „Web 2.0 is made of people“ ist falsch. (Die Klassiker-Antwort, ebd., lautete ja: Ja, es besteht aus Leuten. So wie Soylent Green.) Auch ein erfolgreicher Techno-Club besteht ja nicht einfach aus Leuten: Er besteht aus sorgfältig designter Hardware und einem Bündel von schwer greifbaren, in die Location quasi eingebauten Spielregeln.

Das Web 2.0 besteht nicht aus Menschen. Es besteht aus vernetzten Aktionen mit digitalen Objekten. (Und ja, das schließt Kommunikationen ein: Ein Tweet, ein Blogpost, ein Video auf YouTube ist ein „soziales Objekt“.) Das Web spart Stellen aus, in die jeder Mensch sich einschalten kann. Und es ist dann großartig, wenn die Menschen dabei das Gefühl bekommen, durch Vernetzung mehr zurückzubekommen, als sie investieren.

Web 2.0-Gefühl stellt sich nur dann ein, wenn die Software, die man gerade benutzt, Communities erzeugt, und eben nicht bestehende Community-Strukturen wie fossilen Brennstoff verbraucht.

Herkömmliche Lern-Communities verbrauchen aber soziales Kapital, das in der Realwelt aufgebaut wurde. (Und oft auch nur erpresst, wie Schutzgeld.) Sie erzeugen eben keine neue Energie, keinen neuen Zusammenhalt. Genau das passiert in so gut wie allen LMS-„Communities“, in Universitäten oder sonstwo. Dagegen entsteht in den guten Web 2.0-Netzwerken etwas Neues, das vorher und „in echt“ gar nicht möglich, ja gar nicht vorstellbar war: In Twitter-Netzwerken, im Scheibenwelt-Wiki, in Flickr-Fotogruppen, und vermutlich sogar — für die, die es mögen — in Xing (ich selbst bekomme immer einen Ausschlag, wenn ich dort sein muss).

Spolsky: „Schau dir ein paar Online Communities an und du wirst sofort spüren, dass eine völlig verschiedene Atmosphäre herrscht.“ Er bezog sich (in einem damals brandneuen „Blog“) noch auf Beispiele aus den 1990ern: Usenet-Messageboards, IRC-Chats. Aber bis heute gilt das Spolsky-Axiom: „Kleine und kleinste Details der Software-Umsetzung haben große Folgen. Die Communities verhalten sich anders, entwickeln sich anders, fühlen sich anders an.“

Und das gilt eben nicht nur für die Software-Entwickung selbst, sondern auch für alle die, die ein funktionierendes Netzwerk mit den fertigen Bausteinen herstellen wollen, die es inzwischen gibt: Blogs, Wikis, Microblogging (Twitter), Photosharing, Social Bookmarks, Soziale Netzwerk-Profilseiten, … Immer sind es die kleinen und kleinsten Details, die zählen. Die Klicks. Die Aufmerksamkeits-Momente.

Wir alle sind immer noch sehr am Anfang, wenn es darum geht, das zu verstehen und richtig zu benutzen.

Oh, die berühmten Digital Natives. Ich bin ja, wie ich immer und immer wieder betone, Digital Immigrant. Fast schon Silver Surfer. Seit 1999, wegen dem iMac. Ganz kurz bevor Ende 2000 Google den deutschen Mainstream erwischte. (Und aus unerfindlichen Gründen drang es damals sofort zu mir durch, dem Newbie und DigitalDepp ohne Geek-Freunde, dass das von jetzt an *die* Suchmaschine war.) Die Digital Natives also. Kompliziertes BlogCarnival-Thema.

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(1) Die Digital Natives gibt es nicht.

Es ist einfach nicht wahr, dass die junge(n) Generation(en) souveräner mit dem Web und mit digitalen Medien umgehen. Vermutlich gibt es so etwas wie eine Gaming Generation, aber das ist nicht dasselbe. Sehr viele der mir bekannten Leute, die besonders gut im Web unterwegs sind, sind in der Mehrzahl über 40, und ausnahmslose alle haben eine auffallend starke Text-und-Sprach-Kompetenz. Sie sind vermutlich gerade deshalb gut, WEIL sie an der Schnittstelle zweier Kulturen stehen. Kultureller Reichtum entsteht immer da, wo Kulturen aufeinanderprallen. Wo übersetzt werden muss.

(Übrigens gibt es eine signifikante Korrelation zur Gruppe der Leute, die durch die Schule der Popkultur gegangen sind. Auch die mir bekannten Professoren für Religionsgeschichte und Großstadtbürgermeister, die das Web können, sind durchwegs und immer noch Pop-Enthusiasten.)

Das Web besteht zuerst aus Worten, und es ist das Medium der Leute, die Spass an Worten haben. Die anderen benutzen es auch, aber sie sind nicht sicher darin. Ich schätze mal, dass maximal 20% aus jeder (!) beliebigen Bevölkerungsgruppe sich im Web wie ein Fisch im Wasser fühlen. (Auch bei den weniger Gebildeten, bei denen es sehr wohl Sprachkompetenz gibt.) Das ist dann „Digital Literacy“ (kein deutsches Wort dafür).

Und dann gibt es noch so was wie „Digital Fluency“, das heißt, sich manuell und navigationstechnisch sicher fühlen. Einfach herumprobieren und schnell die richtigen Knöpfe finden, ohne verwirrt und überwältigt zu sein. Das gibt es bei denen, die viel Routine mit solchen Maschinen haben, also vermutlich mehr bei den Jüngeren. Ist aber eine Sache der Routine, nicht des Alters.

(2) Natürlich gibt es Digital Natives.

Es kann einem ja keiner erzählen, dass das nichts ausmacht, wenn an die Stelle der Bücher in spärlich ausgestatteten öffentlichen Bibliotheken und Wohnzimmerregalen auf einmal das Web tritt. Der Einfluss dringt durch alle Poren herein.

Meine Tochter ist gerade 12, fanatische Leserin und erklärte Technik-Skeptikerin, aber trotzdem bewegt sie sich, wenn sie will, im Web wie ein Fisch im Wasser. Ohne besondere Einweisung, ohne Freunde, die es ihr zeigen. Keine Ahnung, wie solche Fähigkeiten „in der Luft liegen“ können, aber es sieht so aus. Sie konnte von Anfang an Pop-up Werbefenster intuitiv auf die einzige richtige Art zumachen. Als ich sie aber fragte, wie das bei den KlassenkameradInnen so ist, lachte sie und meinte, dass die zwar zu 99% auf der lokalen Chat-Plattform seien, aber insgesamt nicht besonders versiert im Web.

Das Web und die digitalen Medien machen etwas aus, kein Zweifel. Es ist ja wahr, dass das Web notwendig herkömmliche Autoritäten und festverdrahtete Strukturen zersetzt und mächtige Firmenportale zu Staub zerbröseln lässt, so so wie es auch alle Bücher und Dokumente shreddert, in Ausrisse von Paragraphenlänge. Und die Aufmerksamkeitsspannen in viele kleine Mikro-Spannen zerlegt. An die Stelle von angestrengter Konzentration treten (offener als früher) Kettenreaktionen. Das ändert etwas im Kopf.

(3) Also was jetzt? Zur Unternehmenspraxis.

Es sind mehrere Tendenzen, die sich hier begegnen. Erstens: Die in Beton gegossenen Makrostrukturen der Organisationen weichen von innen her auf. Die digitalen Ignoranten im Management sind sich selbst ihrer Sache nicht mehr sicher und strahlen das auch aus. (Das hat noch gar nichts mit „Digital Natives“ zu tun, sondern v.a. mit der Flat World der globalisierten Info-Ökonomie.) Zweitens: Die digitalen Medien, und da wieder besonders das Web zusammen mit den Handys, verändern die alte Bürokultur, die knapp 30 Jahre im papierenen Fax-Zeitalter verharrte: Siemens Telefonanlagen, Rank Xerox Photokopierer, Microsoft Office Files, die permanent ausgedruckt wurden und dann gleich wieder zu vielen feinen Streifen zerschnitzelt. Die Digital Natives sind eher Objekte dieser Entwicklung, nicht Ursache und Treiber.

Und wie ist das jetzt, drittens, mit der „Net Generation“, der „zugeschrieben [wird], dass sie eher kooperativ arbeiten, offener eigene Erfahrungen kommunizieren und extensiv Technologien zur Vernetzung nutzen“? Hm. Jein. Sagen wir so: Es gibt ein Vakuum durch die Tatsache, dass die alte Art zu arbeiten, zu kommunizieren und sich zu verdrahten im Niedergang ist. Das alte Betriebssystem im Kopf ist nicht mehr installiert, und das neue Betriebssystem („Web as a Platform“) ist noch nicht richtig im Laufen. So gesehen sind die Digital Natives vermutlich offener. Aber dass sie alle diese großartigen Werte konsequenter vertreten, alle nötigen Skills besser beherrschen: bis jetzt eher nicht. Manche können das ganz großartig, aber das ist der Prozentsatz der Hochbegabten, den es in jeder Generation gibt. Sehr viele sind im Gegenteil bislang eher „Digital Illiterates“, vermutlich weil es niemand gibt, bei dem man sich Praktiken abschauen kann.

Vielleicht, wahrscheinlich sogar, wird sich das in der Generation meiner Tochter ändern. Kulturtechniken entstehen durch gemeinsame Praxis von allen. Bis dahin gibt es aber noch viel Arbeit für uns Immigranten, die als digitale Tellerwäscher angefangen haben.

Wenn uns eine Kristallkugel zeigen könnte, welche Form im Jahr 2019 Lernen/Weiterbildung in den Unternehmen & Organisationen angenommen hat, was würden wir sehen?

Welchen Mix aus informellem Selbstlernen und Schulungen? Welche Rolle werden dabei „Klassenzimmer“ spielen? Welche Rolle wird das Web spielen, diesseits und jenseits der Firewall? Und welche Rolle werden die beiden zentralen Formen von „e-Learning 1.0“ spielen: also zum einen CBTs/WBTs und zum anderen elektronische Klassenzimmer-mit-Online-Prüfung?

Das war die Big Question, die das LearningCircuit-Blog im März den nordamerikanischen eLearning-Professionals gestellt hat. [Link]

Der kanadische eLearning-Veteran Saul Carliner (danke an Jochen Robes für den Link) kritisiert jetzt die Mehrheit der Experten, die sagt, dass die Zeit herkömmlicher Schulungen vorbei ist und „informelles Lernen“ und Weblernen an ihre Stelle tritt. (In Wahrheit sind deren Antworten deutlich komplexer, aber klammern wir das an dieser Stelle einmal aus).

Carliner sagt, es werde weiterhin ebenso viele herkömmliche Schulungen geben wie bisher, weil Lernen-durch-Bloggen als Grundansatz nicht funktioniere. Darüber dann im nächsten Blogpost hier. Hier erst einmal nur die Antwort auf die Frage des Learning Circuit Blog. Wie wird es 2019 sein?

Tatsächlich denke ich, dass zwei widersprüchliche Antworten richtig sind. Und sie entsprechen ungefähr einem Intranet-LMS-Szenario und einem Web 2.0-Szenario:

(1) Es wird alles so ähnlich bleiben wie es ist, weil sich eingefahrene Strukturen immer nur dann ändern, wenn alles zusammenbricht.

In stabilen Organisationen wird die Weiterbildung 2019 der von heute in etwa so gleichen wie die Weiterbildung von 2009 der von 1999 gleicht — trotz neuer Tools und deutlich mehr Webarbeit. Ähnliche Strukturen, ähnliche Schulungen, ein paar technische Änderungen. Dieses Szenario ist wahrscheinlich bei den (welchen?) Organisationen, die relativ immun bleiben gegen den radikalen äußeren Wandel: d.h. fürsich bestehende Bürokratien und große verwaltungsorientierte Organisationen, sofern sie einigermaßen freigestellt sind vom permanenten Kostendruck der neuen „flachen Welt“. (Es kann sein, dass Schulen und Universitäten als Verwaltungsapparate für „Lernen“ hier noch dazugehören.) Wenn wir großes Glück haben, lernt man dort aus den vielen heutigen Fehlern und macht die Präsenz-Schulungen bis dahin immer besser (das geht, natürlich).

(2) Es wird alles ganz anders sein als jetzt, weil wir die meisten Unternehmen und Organisationen kaum mehr wiedererkennen werden.

Weil die große Idee des letzten Jahrhunderts am Ende ist: eben die „Organisation“ wie wir sie kennen, d.h. gemeinsame Büroarbeit in riesigen Gebäuden, Abteilungen, Fluren und Büros mit festen langfristigen Arbeitsplätzen, aufwändigen Plänen, Stechuhren und täglichem Kantinenessen-Anschlag.

Lernen wird 2019 viel allgegenwärtiger und kurzatmiger sein als es jetzt schon ist, schlicht deshalb, weil Arbeit selbst für die meisten allgegenwärtiger und kurzatmiger (und digitaler) sein wird. Und zwar auch für die, die dann noch „feste Arbeit haben“, aber dabei dann immer mehr Funktionen zugleich tun und überblicken müssen. Und erst recht für alle anderen, die dann entweder selbständig etwas tun dürfen oder vogelfrei etwas tun müssen, wobei typischer Weise schwer zu unterscheiden sein wird, wo Lernen, Arbeiten und ‚Hobby‘ (auch so ein altes Wort) jeweils anfängt oder endet.

Man sieht aus dieser Perspektive, dass „Web 2.0“ eben nicht einfach ein Synonym für eine bessere Welt ist. Es ist eher die positive Begleiterscheinung eines Umbruchs, der unser ganzes Leben sehr oft sehr schmerzhaft trifft. Das Lernen-aus-Blogs schwierig und oft verwirrend sein kann, ist demnach kein Problem des Web 2.0, sondern eines Umbruchs, in dem dauerhaftes, autoritäten-gesichertes Wissen immer knapper wird.

Das heißt umgekehrt aber auch, dass es sinnlos ist, wie Carliner und viele andere Routiniers die Haltung der „skeptischen Praktiker“ gegen die sympathischen, aber leicht spinnerten „Web 2.0-Idealisten“ einzunehmen. Der Umbruch der Arbeitsgesellschaft selbst ist ja so wenig zu verhindern wie das Schmelzen der Gletscher. Wir sind mitten drin. Wenn es uns nicht gelingt, mit den technischen Mitteln und Visionen des Web 2.0 wenigstens Teile davon ins Positive zu wenden, dann um so schlimmer für uns.

Es geht hier jedenfalls nicht mehr um eine Alternative, die man vorsichtig abwägen und geschmäcklerisch entscheiden kann. Was dann aus Instructor-led Classroom Training wird? Im nächsten Beitrag.