Hier meine Antworten auf die Fragen des Blog-Karneval von Andrea Back und Jochen Robes (großartige Idee!): Müssen Wissensarbeiter ständig online sein? Verbessert sich die Qualität der Arbeit? Werde ich mit Web-2.0-Tools effektiver? Verbessert sich die Produktivität der Arbeit? Was ist überhaupt „Wissensarbeit“? Wie verläuft der persönliche Lernprozess? Die Antworten in Kurzform: Ja, ja, falsche Frage, jein, Zitat aus Getting Things Done, mühsam.

Müssen Wissensarbeiter ständig online sein?
Im Prinzip ja (würde Radio Eriwan sagen). „Ständig“ heißt so viel wie täglich. (WebWorkerDaily heißt ja auch das Zentralorgan.) Offline sollte man gehen, wenn man konkret einen zusammenhängenden längeren Text schreiben will, der zum Ausdrucken gedacht ist. Problem: Sich freiwillig vom Netz abzunabeln ist sehr schwer. Es fehlt das Gefühl von gedanklichem Leben um einen herum. Am besten ist es, einen anderen Stuhl und einen anderen Offline-Computer zum Schreiben zu haben.

Verbessert sich die Qualität der Arbeit?
Ja. Und zwar deshalb, weil gute Wissensarbeiter-Arbeit gar nicht mehr möglich ist, ohne auf das Web-Wissen, die Web-Werkzeuge und die Web-Diskurse zurückzugreifen. Unabhängig vom Thema und dem Beruf. Wissensarbeit ohne Web ist so wie früher Wissensarbeit ohne Buch. (Das hieß natürlich damals nicht „Wissensarbeiter“, sondern „Bildungsbürger“.)

Werde ich mit Web-2.0-Tools effektiver?
Falsche Frage. Ich habe keine Wahl.

Verbessert sich die Produktivität der Arbeit?
Jein. Die Gedankenarbeit verbessert sich unbedingt, der Output leidet schon. Warum?
(1) Weil wir es noch gut genug nicht gewohnt sind, mit Bildschirmtexten zu arbeiten, nicht als Leser, nicht als Sammler, nicht als Schreiber. Das werden wir lernen müssen.
(2) Weil wir zwei Arbeitsstile gleichzeitig haben (müssen), und das braucht zuviel Zeit und Energie. Es läuft darauf heraus, dass der alte Papier-Arbeitsstil obsolet wird, aber das wird noch vielleicht 5 Jahre dauern.
(3) Weil wir noch nicht die richtige Mischung von Web-Wissensarbeit-Werkzeugen gefunden haben. Es gibt großartige Tools, aber wirklich benützen kann man nur zwei oder drei, die zum eigenen Denk- und Arbeitsstil passen. Die zu finden ist schwer. Da werden sich in den nächsten zwei Jahren Formen herauskristallisieren, die man einfach übernehmen kann.
(4) Der Output ist gar nicht notwendig geringer oder schlechter, er ist nur zersplitterter. Im Web schreiben die Leute eher mehr als weniger, und keineswegs dümmer, nur eben an verstreuten Orten. Das ist einerseits gut: „Microcontent“ ist der Grundstoff des Web. Wissen wird künftig nur noch zirkulieren, und d.h. existieren, wenn es in Microcontent-Form gebracht wurde. Das ist andererseits natürlich schwierig: Wir können noch nicht richtig gut in Microcontent-Form denken und schreiben. Wir werden es lernen müssen.

Was ist überhaupt „Wissensarbeit“?
Ich zitiere David Allens wichtiges theoretisches Bestseller-Werk zur Zukunft der Arbeitskultur: „In der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts wusste man, was die eigene Arbeit ist. Eine Arbeit war beendet oder eben nicht. Nun haben die meisten von uns mit Projekten zu tun, die keine klare Begrenzung haben. Die meisten Leute, die ich kenne haben mindestens ein halbes Dutzend Dinge, die sie gerade erledigen wollen, und sie werden sie niemals perfekt machen können, auch wenn sie alle Zeit der Welt hätten. … Wieviele Informationen da draußen gibt es jeweils, die solche Projekte „besser“ machen können? Die Antwort ist: Unendlich viele, alle potenziell leicht zugänglich über das Web. … Wir lassen eine große Menge von Kommunikation und Information aus der Außenwelt zu, und dazu kommt aus unserer Innenwelt eine genauso große Menge von Ideen und von Vereinbarungen (mit uns selbst und mit anderen).“ In dieser Lage versagen die traditionellen Ansätze für „Zeitmanagement“ und „Selbstorganisation“.

Wie verläuft der persönliche Lernprozess?
Mühsam, aber es wird langsam besser. Man braucht ein persönliches Wissensarbeit-Ökosystem. Das bedeutet vor allem: (1) Im richtigen Moment zum richtigen Tool zu wechseln. (2) Alle Fragen, die einen interessieren, von vornherein als „Projekte“ zu behandeln, mit vollem Einsatz von Web 2.0-Meta-Methoden (Tagging, soziale Software …). (3) Vor allem das eigenen Notieren und Schreiben von vornherein ins Web zu verlegen. E-mail so weit wie möglich abzuschaffen. Und nur dann MS Word zu verwenden, wenn man mit vorgehaltener Pistole gezwungen wird.

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