Ich habe meine 11jährige Tochter gefragt, ob „Lernen“ für sie ein positives Wort ist. Antwort: Nein.

Nachfrage: Auch nicht manchmal, z.B. in deinem Lieblingsfach? Antwort: Nein, nie. Einwand: Aber du bist doch eine Einser-Schülerin, die sogar Latein mag (von mir hat sie das nicht)? Und du liest doch ununterbrochen, wenn du nicht in der Schule bist? (Nämlich über das Mittelalter, über germanische Mythologie, so etwas. Offiziell legt sie Wert darauf, Computer und Internet als „neumodischen Kram“ abzulehnen, obwohl sie sich verblüffend geschickt darin bewegt.) Ihre Antwort: Wenn es Spaß macht, ist es nicht „lernen“.

Es ist also gar nicht einfach, die Lerner-Perspektive einzunehmen. Jedenfalls dann, wenn man es nicht selbst tut, sondern über „Lernen“ nachdenkt und schreibt. Dann verfällt man im Deutschen sofort in die Sicht der Lehrer, auch sich selbst gegenüber: Wie bringe ich das faule Pack dazu zu lernen? Zuckerbrot oder Peitsche? (Einzige Ausnahme ist die leicht überraschte, immer erst im Nachhinein gebrauchte Wendung „Da habe ich wirklich viel gelernt.“)

Im Englischen ist das interessanter Weise nicht so, sagt Graham Attwell. LINK „Learning“ ist da zuerst einmal etwas Selbstbestimmtes, Euphorisches. Siehe auch die Tradition des Home-schooling dort. Das hatte ja auch Jay Cross gemeint, als er Ende 1998 den Begriff „e-Learning“ erfunden hatte: ganz neue Formen des „Lernen im Internet“. (Er hätte es besser iLearning nennen sollen, nach dem iMac, und nicht „e-learning“, nach der e-mail. Seit 1994 spricht er nur noch von „informal learning“.)

Tatsächlich ist es immer noch verblüffend, wie euphorisch Leute wie Attwell und Cross immer wieder neu vom „Learning“ reden können – also auch und gerade die, die ansonsten völlig frustriert sind vom „formellen Lernen“ im Allgemeinen und vom „e-Learning“ im Besonderen. Wenn jemand auf das auf deutsch macht, klingt es wie Scientology, oder wie die Learntec in den Bubble-Jahren.

„Lernen“ heißt im deutschen Sprachgebrauch soviel wie „dem Inneren Schweinehund zeigen wo’s lang geht“. „Lernen“ heißt fleißig das schlechte Gewissen bekämpfen, Prüfungen bestehen, und am Ende gibt es ein gutes Zeugnis vom Über-Ich. Mit dem hatte man dann früher Anrecht auf eine sichere Position Stelle in der Deutschland AG, irgendwo zwischen Siemens, Landesbank und Staatsdienst, mit Büro, Auto, Haus, Urlaub und Sicherheit. Dann gab es kurze Zeit MBAs, Trainings und Zertifizierungen aller Art, und man wollte zu McKinsey.

Das hört sich auf, wie wir wissen. Schade manchmal, aber nicht zu ändern. Wir leben mitten in einem (nicht nur) digitalen Klimawandel.

Sicher ist, dass es im Web und durch das Web neue Formen des „Lernens“ geben wird. Sie werden nicht von Weiterbildungsanbietern und Bildungsministern erfunden werden. Sie bilden sich allmählich heraus, an vielen Stellen, jetzt schon. Sie entstehen nicht, indem man Milliarden in die Sanierung von Beton-Glas-Bauruinen aus den 1970er Jahren steckt. Was man hingegen tun könnte: Das digitale Ökosystem hegen und pflegen und düngen, in dem so etwas organisch wächst. Weshalb man ja auch z.B.vom „Wiki-Gärtnern“ spricht.

Wissenwollen im Web

Egal, wie man dazu steht: Was man im Deutschen gemeinhin unter „Lernen“ versteht, funktioniert im Web schlicht nicht. Das liegt schon am Medium selbst: Das Web, das sind schnelle Blicke, nervöse Finger, flüchtige Zeichen auf einem Bildschirm, die in Sekundenbruchteilen wechseln, Links, die immer woandershin deuten. Das alte Bildungssystem ist auf Knappheit aufgebaut. Das Web ist unerschöpflich. Im Web ist jede künstliche Begrenzung, jedenfalls sobald man sie wahrnimmt, lächerlich. Hier fühlt sich jeder „Online-Kurs“ sofort an wie Nachsitzen.

„E-learning“ ist heute immer „Weblernen“, und Weblernen ist immer Lernen im Web. Ganz egal, ob formell, informell oder halbformell. Ob man will oder nicht. Zum Weblerner wird man von selbst, sobald das Browserfenster offen ist. Sofort ist man ungeduldiger und zerstreuter als sonst, und auch ein wenig euphorisch: „Was werde ich denn heute, jetzt gleich wissen?“

Das ist die Frage, die die Google-Galaxis antreibt. So ähnlich hat ja schon Microsoft 1996 für den Internet Explorer geworben: „Where Do You Want to Go Today?“ Damals fühlte sich das Web noch wie ein Raum an, in dem man geht, besucht, surft. Aber nun gibt man einen Suchbegriff ein und findet sich augenblicklich inmitten einer Wolke von Mikro-Information. Und damit beginnen die Schwierigkeiten.

In diesem Blog versuche ich deshalb, über „Lernen im Web“ nachzudenken, im weitesten Sinn. Ich würde es gerne anders nennen, aber das Deutsche ist ja eine Bürokratensprache: „Sich informieren“, „Information beschaffen“ und „Wissen erwerben“ ist alles noch schlimmer. „Lernen“ – das ist wenigstens ein einfaches aktives Verb. Warum deutet „Wissen“ immer schon auf etwas Fertiges, Versteinertes? Obwohl: „Wissenwollen im Web“ wäre auch ein schöner Titel.