Und hier ist die Auflösung zu unserer MultipleChoice-Preisfrage: Entweder müssen die Punkte 1-5 gleichzeitig zutreffen, oder der Punkt 6. Hätten Sie’s gewusst?

Im Ernst: Sobald einer der ersten fünf Punkte nicht zutrifft, sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Lernerfolgs dramatisch, oder es ist zu teuer, oder beides.

Erstens sollte das, was man lernen will, selbst bereits die Form von „programmiertem Wissen“ haben. Beispiele: Die Bedienung einer Maschine, das Beherrschen einer bürokratischen Prozesses. Am besten immer dann, wenn diese Anwendung selbst am Bildschirm stattfindet. Je mehr der „Stoff“ für den Bildschirm „übersetzt“ werden muss, desto schlechter. Dann braucht man das Web 2.0: „eLearning“ für erwachsene, freie und motivierte Menschen, die sich direkt oder indirekt austauschen. Weblernen. Übrigens genau das, was sich Jay Cross seinerzeit vorstellte, als er 1998 den Begriff „eLearning“ erfand, nämlich als Antithese zu CBTs.

CBTs gehen genau in den Fällen, wenn sich Neulinge ein Raster aus bis zu 10 Grundbegriffen und 10 grundlegenden Schritten einprägen wollen (wirklich wollen!), um sich in einem komplexen Feld zurechtzufinden. Die berühmten „Führerschein“-CBTs also (Verkehrsregeln, Computer, BWL).

Beispiel: Wenn also mein 73jähriger Vater, der sich sofort überfordert fühlt, aber das Web großartig findet, sich die wichtigsten Schritte einprägen will für das Surfen (Sicherheitsregeln, Orientierung) und für sein Blog (Wie bekomme ich meine Ideen wirkungsvoll ins Web? Wie bekomme ich Feedback?). Der bräuchte wirklich ein CBT, und dieser Lerner-Typ wäre auch hochmotiviert es zu nutzen. Eins im im schnellen, lockeren Slideshare-Stil (s.u.) Es gibt nur keins. Ich müsste es ihm zum 73. Geburtstag selbst basteln, und meiner Mutter gleich dazu, die eigentlich ins Web will, aber nicht gelassen wird: „Du kannst das eh nicht.“

Einschränkung 1: Sogar die meisten CBTs, die ich selbst zu solchen „Führerschein“-Themen bis jetzt gesehen habe, waren de facto furchtbar schlecht. Es könnte aber imPrinzip gute geben. Wenn jemand Best Practices hat: Bitte drei Screenshots verlinken oder mailen, an write2mlindner bei/at gmail.com.

Einschränkung 2: „Führerschein für Irgendwas-mit-Software in 10 Schritten“ gehen nur für Anfänger, die sich selbst hilflos fühlen. Wenn sie selbstbewusst sind, verachten sie sofort künstliche Klicktunnels – ob berechtigt oder nicht. Mein bloggender Vater würde für ein gutes (!) CBT Geld bezahlen, so wie demoralisierte altgediente Büroarbeiter, die alle zwei Jahre in der nächsten digitale Innovationswelle nach Luft schnappen. Handy-Laptop-Manager werden das genauso wie meine 12jährige Tochter innerlich ablehnen, und zwar selbst dann, wenn (falls) es für sie nützlich sein könnte.

Einschränkung 3: CBTs/WBTs sind wirklich nur für selbst bereits vorprogrammiertes Wissen geeignet. Sobald es ein bisschen komplexer wird, geht das sofort nicht mehr. Ihre didaktisch wirklich wunderbar aufbereitete multimediale Sprachlern-CD-ROM steht doch, Hand aufs Herz, praktisch ungebraucht in Ihrem Regal. Ich behaupte: Niemand hat je wirklich Grammatik aus seiner Italienisch-CD-ROM gelernt. (Aber alle glauben, dass es ihr eigener Fehler war.)

Und solche Sprach-CD-ROMs sind oft sogar sehr gut gemacht. Und nicht einmal dann hilft das etwas. Umso weniger, wenn es läppische Klicktunnels sind, mit Vorschul-Interaktionen (irgendwas irgendwohin schieben), ‚lustigen‘ Quizfragen, Maschinenlob („Gut gemacht!“) und überall Grafiken mit lächelnden Computern, mäßigen Cartoon-Figuren und/oder fröhlichen Prospekt-Menschen, die strahlend auf etwas zeigen, das sie auf ihrem Bildschirm sehen. Sobald ein CBT so aussieht, kann man es sofort vergessen. Immer, ausnahmslos. Und ja, auch dann, wenn es sich bei den Nutzern „nur“ um Leute mit Hauptschulabschluss handelt. Niemand wird gern für blöd verkauft.

Einschränkung 4: Sogar wenn es sich um „programmiertes Wissen“ handelt: Jedes Wissensgebiet, das irgendwie interessant ist, wird sofort zu komplex. Noch nicht einmal Schach lernt man aus CBT/WBTs. Und das besteht aus 64 schwarz-weißen quadratischen Feldern, 9 Figurentypen, einer handvoll klarer Regeln. Noch nicht einmal RuneScape (ein niedliches World of Warcraft für 10jährige). Genausowenig geht das mit Javascript, mit Italienisch, mit Projektmanagement, mit Krisenbewältigung, mit „Wie manage ich den Verkaufsprozess für komplexe projektförmige ‚Produkte‘?“. Noch nicht einmal für MS Project wurde mir seinerzeit in meinem Kurs ein CBT angeboten, und das ist eine Software, die weiß Gott den Geist von Klicktunnels atmet.

Einschränkung 5: Seltsamer Weise gibt es sogar da keine, wo man sich sinnvolle CBTs vorstellen kann (z.B. mobiles Internet auf meinem Nokia-Handy in 10 klaren Schritten …) Wieso nicht? Zu teuer? Zu schwierig? Keine Lerner-Akzeptanz?

Gibt es WBT 2.0?

Sie werden lachen: Ja. Und zwar in Slideshare: Man kann sich dort die How-tos ansehen, oder z.B. hier über die Probleme, digitale Medien in die Klassenzimmer zu bringen. Oder hier von Teemu Arina über den Einsatz von social software auf Konferenzen (und Workshops/Seminaren).

Das Interessante ist ja, wie völlig verschieden sich eine PPT-Präsentation anfühlen kann, sobald sie erstens gut ist und zweitens schnell durchgeklickt werden kann. Altes Powerpoint und eLearning 1.0 fühlen sich dagegen an wie die Parade vor dem Stalin-Denkmal in Budapest 1956.

Der Unterschied?

(1) Durchklick-Präsentationen im Slideshare-Web-Format bringen mich, den Wissenwoller, in eine souveräne Position. Ich muss mich nicht ausliefern. Fast niemand lädt sich dagegen ein Powerpoint herunter und sieht sich das dann auch noch Slide für Slide an: Weil das erstens zu lang dauert und weil es zweitens Fullscreen ist. Der Unterschied ist klein, aber entscheidend: Web vs. Desktop.

(2) In den guten Präsentationen, die für sich selbst stehen können, spricht aus jedem Slide eine authentische, humorvolle Stimme zu mir. Als ob es ein Selbstgespräch wäre, nur besser. Das Web ist eine Konversation, sagt bereits das immer noch großartige Cluetrain-Manifesto, dass wir alle jedes Vierteljahr wieder lesen sollten (am besten auf englisch, zur Not auf deutsch). Die Amerikaner lernen diese Art von Rhetorik von klein auf, wir Deutschen tun uns (noch) schwer.

(3) Im Web kann ich mir jederzeit Notizen machen, Kontext holen, mir Material aneignen mit Copy&Paste, es in kleinen Stückchen in meinen eigenen Wissensraum übertragen. Das Web ist „learner-centered“ („lerner-zentriert“? „lernozentrisch“??). Die Learner Experience ist die User Experience.