Archive für Kategorie: PLÖ: Persönliches Lern-Ökosystem

Netzwerk-Erlebnisse sind die Urerlebnisse des Web. Für Digitale Immigranten wie mich ja immer noch magisch und unbegreiflich, dass das geht: Dass auf einmal ganz schnell „weak ties“ zu wildfremden Personen in aller Welt hergestellt werden können (bis vor kurzem war das für mich eng an die englische Sprache geknüpft) und dass man sich so plötzlich in einem aufgeladenen und angreicherten Lebensraum wiederfindet:

2000, als ich gerade mit meinem freundlichen iMac im Web war, hatte ich mein persönliches Erlebnis: Mir gefiel damals das Konzept von „criss-crossing the knowledge landscape“, also sich Wissen als Durchstreifen einer Landschaft vorzustellen (nicht als englischen Park). Die Apple-Metasuchmaschine („Sherlock“) brachte mich auf Rand Spiro’s „cognitive flexibility“-Theorie, die besonders geeignet sein sollte für „komplexe und schlecht definierte Felder“. Also alles, was interessant ist. Ich wollte damals wissen, wo die Metapher herkommt. Die e-Mail-Adresse stand da, Universität von Illinois, und ich habe ihm eine Mail geschickt.

Eine Stunde später hatte ich die Antwort: Er hatte die Metapher von Wittgenstein, aus dem Vorwort der Philosophischen Untersuchungen. Und wir tauschten noch ein paar Gedanken dazu aus. Und weil ich mich damals ausgerechnet (!) mit Wittgenstein beschäftigte, aber das nicht erkannt hatte, hat mich das damals völlig umgeworfen. Eine Rückkopplung, völlig unvermutet, ermöglicht durchs Internet (Suche + Mail). Und das elektrisierende Gefühl von Scientific Community mit einem mir vorher (und nachher) völlig unbekannten amerikanischen Professor, jetzt und sofort. Überwältigend für jemand, der gerade aus der deutschen Gutenberg-Universität kam.

Die Wittgenstein-Stelle ist übrigens großartig und gehört zum Thema, weil sie das Web vorwegnimmt. Er habe nämlich kein geschlossenes Buch schreiben können, sagt Wittgenstein, weil ihn die Natur der Untersuchung gezwungen habe, „ein weites Gedankengebiet, kreuz und quer, nach allen Richtungen hin zu durchreisen. Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftsskizzen, die auf diesen langen und verwickelten Fahrten entstanden sind. Die gleichen Punkte, oder beinahe die gleichen, wurden stets von neuem und von verschiedenen Richtungen her berührt und immer neue Bilder entworfen.“ Daraus ergibt sich seine Didaktik, die wie gemacht ist für das Web: „Ich zeige meinen Schülern Ausschnitte aus einer ungeheuern Landschaft, in der sie sich unmöglich auskennen können.“ (#)

Jetzt müsste ich davon erzählen, wie ich 2003 die amerikanische Blogosphere entdeckte und Anfang 2007 dann die neue Twittersphere (seinerzeit noch ein vorindustriell gemütlicher Raum, dessen Netzwerk-Erlebnisse dort ich hier beschrieben habe).

Ein persönliches Netzwerk entstand damals, eine konstante, aber sich ständig verändernde Wolke aus Kommunikationen, zuerst englischsprachig und eigentlich erst seit diesem Jahr auch auf deutsch. Ständig passierte etwas Unvermutetes, sprangen Funken, entstanden unvermutete Kettenreaktionen. Eine völlig neue Existenzweise als digitaler Wissensarbeiter: in Echtzeit angeschlossen sein an Denkprozesse, Informationskreisläufe, auch Energiefelder.

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Im Digitalen Klimawandel steht der Mensch im Mittelpunkt, auf bisher ganz ungewohnte Weise. Auge in Auge mit dem Weltwissen. Als Ich AG. Als Ein-Mann-Uni. Freigesetzt und im Stich gelassen. Das ist großartig, aber es macht auch Angst.

Viele User flüchten sich genau deshalb gern in das scheinbar verlässliche Raster von Drill-Lernen und Multiple Choice-Tests, die in harte Zertifikate münden, aber in Wahrheit das Wissen, um das es dabei gehen soll, nicht vermitteln.

Und noch mehr löst das bei den Organisationen selbst Angst aus. Organisationen führen IT-Systeme ja nicht in erster Linie ein, weil diese Produktivität und Innovation fördern. Sie führen sie deshalb ein, weil sie wollen, dass die IT ihr besseres Selbst verkörpert, ihr eigenes Wunsch-Spiegelbild: eine hyperrationale, klar gegliederte, von kompetenten Führungskräften souverän gemanagte, perfekt mit Menschen aus hochglänzenden Unternehmens-Werbeprospekten besetzte Welt, in der jede Aktivität sofort im perfekten SAP erfasst, bewertet und am Ende auf Euro und Cent genau als Kosten und ROI wieder ausgegeben wird. (> mehr)

Auf englisch wurde dafür der Begriff „Persönliche Lern-Umwelt“ geprägt (Personal Learning Environment, PLE). Auf deutsch nenne ich das PLÖ: Persönliches Lern-Ökosystem. Ein Ökosystem besteht aus einem relativ stabilen Gewebe von Wechselbeziehungen, einem gemeinsamen „Haushalt“ (griech. oikos), der die Lebewesen (hier: die „Nutzer“) und ihre unbelebte Umwelt (hier: die Medientechnologie) zusammenschließt. Und in diesem Haushalt gibt es Kreislauf-Prozesse, in denen ständig Stoff (hier: „Information“) weitergegeben und verwandelt wird .

Die besten Definitionen (auf Englisch) liefert laufend immer noch der Web-Entwickler Scott Wilson, der den Begriff 2005 in Umlauf brachte, in seinem Blog. (Ein großartiges einstündiges „Online Seminar“ dazu ist hier verlinkt.) Graham Attwell, ein Freund Wilsons, verfolgt die Idee in vielen blog posts und auch papers. Die deutsche Diskussion neigt schon wieder dazu, alles in die akademisch-abstrake Breite zu ziehen: Der deutsche Wikipedia-Artikel (link) ist in Ordnung (mit Links zu Attwell). Er ist nicht einmal sehr lang, aber schon wer das liest, hat hinterher keine Lust mehr, am eigenen PLÖ zu basteln. Noch schlimmer ist in dieser Hinsicht der PLE-Blogpost auf der abschreckend betitelten Seite http://www.mediendidaktik.de, obwohl da nichts Falsches steht (mit vielen Links).

Was ein PLÖ nicht ist:

1. Es ist eine persönliche, keine personalisierte Lern-Umgebung (VLE). Also kein LMS (Moodle, oder was auch immer), aromatisiert mit naturidentischen Web 2.0-Geschmacksstoffen (also ein bisschen eingebaute WikiBlogTags… ). „Persönlich“ heißt nämlich immer: kompromisslos „user-centred“. Der Mensch im Mittelpunkt, nicht das System. Und um sie/ihn herum alles, wozu sie/er Zugang hat, um sich Wissen zu holen: also auch der Notizblock, das Handy, was auch immer.

2. Es ist nicht beschränkt auf Technologie, aber Technologie spielt in der Web-Ära eine essenzielle Rolle. Der Mensch im Mittelpunkt des PLÖ ist ein User. Ein PLÖ, das nicht um den Webtop herum strukturiert ist, wird für immer weniger Menschen funktionieren.

Der wichtigste Unterschied zum LMS ist, dass es hier wirklich um individuelles Lernen geht. In LMS und VLE geht es ja eigentlich nicht um Lernen. Es geht noch nicht einmal um Lehren. Es geht um die Perspektive der Institution, die Lernen organisiert. Solche relativ geschlossenen LMS und VLE werden deshalb genau so weit akzeptiert, als sich die Nutzer mit der Institution selbst identifizieren. Und das tun sie vor allem dann, wenn es um exklusive Netzwerke und Zertifikate geht, mit denen man sich einen Vorsprung verschaffen kann.

Im einfachsten Fall besteht der digitale Teil eines PLÖ aus einem Browser und MS Word, aus Google und Wikipedia, einem festen „Lernportal“ und aus eMail, der primitivsten Form von Social Software. In der Ära des „Web 2.0“ lässt sich das inzwischen fast beliebig erweitern: mit Blogs und Wikis, mit Microblogging, mit Notiz- und Clip-Services, mit Google Docs, mit Tagging/Bookmarking, mit sozialer Software aller Art, mit allen möglichen Filtern für RSS Feeds …

Das ist großartig, und das ist zugleich auch das Problem. Denn mit diesen enormen Möglichkeiten ist bis jetzt fast jede/r überfordert. Das Web 2.0 hat einen großen Fortschritt gebracht, hin zu intuitiveren Software-Anwendungen, die man einfach öffnet, um etwas damit zu tun. Aber immer noch ist das Meiste für Normalnutzer zu verwirrend, zu exotisch und zu technisch.

Kaum jemand hat es bisher geschafft, sich ein persönliches Lern-Ökosystem so maßzuschneidern, dass es sich wirklich organisch den eigenen Bedürfnissen anpasst. Und noch weniger ist es bisher gelungen, mehrere solcher PLÖs zu einem größeren Lern-Ökosystem zu verbinden, zu einem sozialen Gewebe, dass mächtiger ist als die Summe seiner Teile. Also das, was früher einmal, im Gutenberg-Zeitalter, die Schule und die Universität wenigstens zeitweise erfolgreich geleistet haben.

Die aktuelle Herausforderung ist also die Quadratur des Kreises: Wie kann man PLÖs gezielt designen, ohne dass doch wieder ein LMS/VLE herauskommt? Wie kann man Prototypen herstellen, die verschiedenste Lerner leicht übernehmen und anpassen können?

Das Web wird unterschätzt, bei weitem. Es ist underhyped, wie David Weinberger sagt. Wir reden zu wenig darüber. Wir denken viel zu wenig ernsthaft darüber nach. Darum verstehen wir die Welt nicht mehr. (Im deutschsprachigen Raum übrigens noch weniger als anderswo.) Digitale Information ist wie der Klimawandel: Nichts ist wirklich greifbar, nichts kann man anfassen, es ist nur ein kaum merkliches Ansteigen der Durchschnittstemperatur, und trotzdem hat es schwerwiegende Folgen für die Welt in der wir leben.

„Information“ hat ihren Aggregatzustand geändert: Sie ist wolkiger und flüchtiger geworden, und sie zirkuliert sehr viel schneller. Sie funktioniert viel mehr als ständige schnelle  Kettenreaktion, nicht mehr als etwas Gespeichertes, auf das man in Ruhe zurückgreifen kann. Das verändert das gesellschaftliche Ökosystem, und zwar auch für die, die glauben, dass sie nicht betroffen sind. Der Golfstrom fließt plötzlich anderswo. Und plötzlich müssen alle ihre gewohnte Lebensweise und Denkweise verändern.

Gletscher schmelzen mit verblüffender Geschwindigkeit: die Banken, Siemens, die CSU, die SPD sowieso, BMW, die Universitäten, die Schulen … Faustregel: Je größer die Gebäude sind, in denen eine Organisation residiert, desto größer sind ihre Probleme.

Wüsten breiten sich aus, wo früher fruchtbares Land war: Die Märkte verändern sich. Was „Produkt“ ist, verändert sich. Das Geschäft der alten Medien funktioniert nicht mehr: die Zeitungen, das Fernsehen, die Werbung, die Bücher. Man kann „Inhalte“ nicht mehr so verkaufen, wie man es früher gewohnt war.

Kreaturen werden aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben: Wer sich nicht anpasst, den bestraft das Leben. Wir werden noch viel mehr „digitale Nomaden“ sehen, mit Laptop und internetfähigem Telefon, die in wechselnden „Projekten“ in verteilten Teams arbeiten. Und das betrifft alle – auch und gerade gestandene Leute, die nicht unter 30 sind, die nicht in Berlin leben und die handfeste Berufe haben, die auf den ersten Blick nicht aussehen wie „Wissensarbeit“.

Wo ist denn hier die Wirklichkeit? Das Internet ändert alles. Es wird bei weitem unterschätzt, weil man falsche Fragen stellt: Wo ist denn hier die Wirklichkeit? Die „Realwirtschaft“? Menschen aus Fleisch und Blut? Richtiges Geld? Es sind doch nur Zeichen! Da bleibt doch nichts! Wie Flugzeuge, die über den Strand fliegen und groß „Nivea“ in den Himmel schreiben. Wie Blogger, die immer nur „Ich Ich Ich“ sagen. Wie Banker, die immer neue Kredite verbriefen.

Ja. Aber es sind Millionen Flugzeuge, die Worte und Zeichen  in den Himmel schreiben, bis sich die Spuren immer mehr überkreuzen, bis nur mehr eine einzige große Wolke zu sehen ist, die ständig ihre Gestalt ändert. Und diese Wolke geht nie mehr weg. Es gibt keinen Rückweg mehr in die gute alte Wirklichkeit (wenn es sie denn je gegeben hat). Diesen Klimawandel müssen wir verstehen, wenn wir lernen wollen, wie man in dieser veränderten Umwelt überleben kann. Und wir haben ja gerade erst damit angefangen: Die große Wolke gibt es erst seit 15 Jahren. Und erst seit 9 Jahren greift sie spürbar in unser (deutsches) Alltagsleben ein.