Archive für Kategorie: WERKZEUG: Web 2.0 Selbstlernmittel

Twittern oder Nicht-Twittern? Ist Twitter wichtig für Lernen? Wenn ja, warum? Hat es überhaupt irgendetwas mit Lernen zu tun? Kann oder soll man es in der Lehre als „Instrument“ einsetzen? Und natürlich die Urfrage: Wofür ist Twitter überhaupt gut? Die Antworten dazu in Kurzform: Twittern. Ja. Kompliziert. Hängt vom Begriff von „Lernen“ ab. Nein. Falsche Frage.

Twitter ist anders.

Das unscheinbare Twitter-Ding (so weit entfernt vom Mainstream-Phänomen wie der dt. Kanufahrer-Verband, Link repariert) ist deshalb so wichtig im Web, weil es eine neue Informations-Ökologie herstellt. Eine ganz neue Welt. Ein andere Art von „Netzwerk“, das eben nicht aus virtuellen Visitenkarten besteht (wie Xing) und einen nicht in einem künstlichen Raum mit vorgestanzter Sprache und Subkultur festhält (wie Facebook, von StudiVZ gar nicht zu reden).

Die Twitter-Welt ist auch ganz anders als die E-Mail-Welt, die Microsoft Office-Welt, die Instant Messaging-Welt, die Messageboard-Welt. Auch anders als die Browser-Welt. Sie ist auch anders als die SMS-Welt, obwohl es ja die 140 Zeichen von dort übernommen hat und obwohl die Stärke gerade ist (und v.a.sein wird), dass sie übergreifend funktioniert, auf PCs und auf Handys.

Twitter vernetzt anders. Es ist nicht „schon wieder ein neues soziales Netzwerk“. Nicht umsonst heißen die Kontakte „Followers“, nicht „Friends“. Das fühlt sich viel entspannter an als in anderen Social Software-Applikationen, wo das „Wer kennt wen“ im Mittelpunkt steht und Austausch erst auf dieser Grundlage erfolgt. Twitter bildet keine verbindliche soziale Struktur ab außer der losen Vernetzung derer, die sich mit halbem Ohr zuhören. Und weil jede/r anderen zuhört und keiner genau weiß, wem genau die anderen zuhören und auf wen sie reagieren, verfestigt sich das eben nicht zur „Clique“ (oder auch zum „Kurs“).

Twitter ist eine Wolke.

Twitterer „schicken“ sich nicht mehr „Botschaften“, sie „sind im Web“, auf eine ganz neue Weise. Beiläufig und radikal zugleich. Am ehesten vergleichbar mit schnellen mündlichen Nebenbei-Kommunikationen unter Leuten, die man mag und interessant findet. Stellen wir uns eine Party vor, auf der viele Leute wechselnde kleine Grüppchen bilden. Stellen wir uns vor, dass aus diesem großen Murmeln und Zwitschern Kernsätze für kurze Zeit sichtbar über den Köpfen aufleuchten (wie hier). Eine sich ständig verändernde Wolke aus nachhallenden Mikrotexten. Dann verblassen die, und neue erscheinen.

Und stellen wir uns vor, diese Party findet in einem „Smart Room“ statt (ein Lieblingskonzept der „Pervasive Computing“-Leute, Urtext hier). Also ein Abhörsystem nimmt einfach alles auf und speichert es wahllos. Wie die Stasi, wie Big Brother oder noch genauer: wie Andy Warhol („… and taping it all„). Und immer, wenn jemand etwas sagt, werden alte „Tweets“ (Zwitscherer, Mikro-Aussagen) kurz wieder aktualisiert. Ein Resonanzraum. Man kann auch nach alten Tweets suchen. Dann antwortet der Raum. Und so geht es immer weiter.

Und jetzt stellen wir uns das einmal konkret vor. Bei einer Party. In einer Disco. In einem Klassenzimmer. In einem Besprechungsraum. In einer Firma. In einem Partei-Hauptquartier. In einem Stadtviertel. Haben Sie das? Können Sie sich das vorstellen? So, und jetzt lassen Sie einfach den „realen“ Raum weg. Das ist dann Twitter.

MicroWeb

Twitter selbst ist kein Tool mehr. Es ist eine Plattform. Eigentlich sogar ein Web im Web. Vorgeschmack auf das, was nach dem alten Web 2.0 kommt. Das MicroWeb (#, #). Das LiveWeb (#,#). Ob Twitter nach dem Hype als Marke und Firma selbst bleiben wird oder nicht: das MicroWeb geht nicht mehr weg.

Die eigentlichen Tools sind die verschiedenen Twitter-Clients: Thwirl ist ganz anders als Tweetdeck. Die Handy-Applikation ist ganz anders als das Web-Interface, usw. Und dazu kommen die ganzen neuen Twitter Such- und Vernetzungsapplikationen, die Mash-ups. Das ist kein „Tool“ mehr, noch nicht einmal eine einzelne Applikation, sondern ein Bündel aus vielen Anwendungen, die alle mit diesem Rohstoff arbeiten: in die Luft gesprochener Mikrotext, der Wolken und Kettenreaktionen bildet.

Jede dritte (!) Web 2.0-Applikation in 2009 ist bislang ein Twitter-Derivat, hat der brilliante Markus Spath festgestellt, dem man auch auf netzwertig unbedingt folgen sollte.

Sage und schreibe: „Sprechen mit Text“.

Twitter ist wie eine offene, unendlich große Party. Nur dass die Kommunikation nicht mündlich ist, sondern buchstäblich. Aber zugleich eben auch nicht schriftlich im gewohnten Sinn: “We’re not writing, we’re speaking with text” (Erica Hall, hier zitiert). Und das macht einen großen Unterschied.

Man schickt sich eben nicht “Botschaften”, man “veröffentlicht” Mikro-Statements. (Direct Messages in Twitter sind ein Sonderfall.) Man macht Aussagen und stellt sie in die große Wolke über den Köpfen. Trivial-Haikus, sozusagen, oder auch Alltags-Mikro-News. Das bedeutet einen entscheidenden Schritt weg vom eigenen Ich, anders als bei StudiVZ. Die „Personen“ sind hier genau das, was sie sagen. (Und was sie in den letzten 2 Monaten oder so gesagt haben.) Sie verändern sich dabei auch laufend.

Es geht also um Mikrotexte, nicht mehr um spontane “Ich-drück-mich-irgendwie-aus”-Sprache (wie in IM, wie in Social Platforms, wie sogar noch in manchen Tagebuch-Blogs). Mit dieser Selbstdistanzierung fühlen sich viele unwohl: Twitter-Begeisterte sind Literaten, ob sie es wissen oder nicht, und die Mehrzahl ist über 30. Viele sind sogar über 45 (wie ich).

Die Digital Natives dagegen? O Tempora. „Die Juchend von heute twittert nicht. Die chattet und simst bloß.“

Twitter in der Lehre?

Twitter-Schulung wäre entscheidend für “digital literacy”. (Ich weiß nie, wie man das deutsch übersetzt?) Aber Twitter ist sicher kein „Instrument“ für „Lehre“ als „Vermittlung von Stoff“. Man kann sich allerdings fragen, ob „Vermittlung von Stoff“ nicht eh eine tote Metapher ist, die zu einer versunkenen Medien-Welt gehört.

Was bedeutet es also, wenn man Twitter in Lern-Szenarien „einsetzt“ (hier, Kommentare lesen!). Das bedeutet, damit experimentieren zu lassen, wie das ist, wenn in einer Wolke aus schnellen Mikro-Texten ständig kleine und kleinste Impulse sich ereignen, sich anstoßen, und dabei kleine Kettenreaktionen ablaufen. Das erzeugt eine allgemeine Atmosphäre, in der Kommunikationen und Ideen passieren können.

Und das wirkliche Leben?

Ich behaupte: Twitterer haben im Vorher/Nachher-Vergleich mehr „wirkliche“ soziale Kontakte, nicht weniger. Auch im Meatspace. Vielleicht telefonieren sie weniger.

Kann man andere Microblogging-Plattformen verwenden?

Im Prinzip ja. Erfahrungsgemäß bisher eher nein. (Schwierige Frage, die einen eigenen Blogpost braucht.) Wichtig: Das radikal Offene, das Beiläufige, das Spielerische, das Durcheinander, das muss alles erhalten bleiben, damit das Ökosystem funktioniert. Jedes neue Feature kann ein Feature zu viel sein. Bis jetzt hat Twitter selbst, also das Original, die Balance am idealsten erwischt.

>> vgl. auch meine kurze Einführung zu „Mikrolernen“ (downloadbar)

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„Building Bildung With Software“ – das ist abgeleitet vom Blogpost-Klassiker von Joel Spolsky: „Building Communities With Software“ (2003). Der fragt sich dort: Wie baut man im Web einen „Ort“, an dem sich Leute gern treffen? So etwas wie die alten Cafes und Parteilokale in toskanischen Kleinstädten? Das, was es „in echt“ in unserer suburbanen Welt längst nicht mehr gibt?

Und die entscheidende Einsicht ist: Es reicht eben nicht, gutwillige Leute zu haben. Der sympathische und naive Satz „Das Web 2.0 besteht aus Leuten“ / „Web 2.0 is made of people“ ist falsch. (Die Klassiker-Antwort, ebd., lautete ja: Ja, es besteht aus Leuten. So wie Soylent Green.) Auch ein erfolgreicher Techno-Club besteht ja nicht einfach aus Leuten: Er besteht aus sorgfältig designter Hardware und einem Bündel von schwer greifbaren, in die Location quasi eingebauten Spielregeln.

Das Web 2.0 besteht nicht aus Menschen. Es besteht aus vernetzten Aktionen mit digitalen Objekten. (Und ja, das schließt Kommunikationen ein: Ein Tweet, ein Blogpost, ein Video auf YouTube ist ein „soziales Objekt“.) Das Web spart Stellen aus, in die jeder Mensch sich einschalten kann. Und es ist dann großartig, wenn die Menschen dabei das Gefühl bekommen, durch Vernetzung mehr zurückzubekommen, als sie investieren.

Web 2.0-Gefühl stellt sich nur dann ein, wenn die Software, die man gerade benutzt, Communities erzeugt, und eben nicht bestehende Community-Strukturen wie fossilen Brennstoff verbraucht.

Herkömmliche Lern-Communities verbrauchen aber soziales Kapital, das in der Realwelt aufgebaut wurde. (Und oft auch nur erpresst, wie Schutzgeld.) Sie erzeugen eben keine neue Energie, keinen neuen Zusammenhalt. Genau das passiert in so gut wie allen LMS-„Communities“, in Universitäten oder sonstwo. Dagegen entsteht in den guten Web 2.0-Netzwerken etwas Neues, das vorher und „in echt“ gar nicht möglich, ja gar nicht vorstellbar war: In Twitter-Netzwerken, im Scheibenwelt-Wiki, in Flickr-Fotogruppen, und vermutlich sogar — für die, die es mögen — in Xing (ich selbst bekomme immer einen Ausschlag, wenn ich dort sein muss).

Spolsky: „Schau dir ein paar Online Communities an und du wirst sofort spüren, dass eine völlig verschiedene Atmosphäre herrscht.“ Er bezog sich (in einem damals brandneuen „Blog“) noch auf Beispiele aus den 1990ern: Usenet-Messageboards, IRC-Chats. Aber bis heute gilt das Spolsky-Axiom: „Kleine und kleinste Details der Software-Umsetzung haben große Folgen. Die Communities verhalten sich anders, entwickeln sich anders, fühlen sich anders an.“

Und das gilt eben nicht nur für die Software-Entwickung selbst, sondern auch für alle die, die ein funktionierendes Netzwerk mit den fertigen Bausteinen herstellen wollen, die es inzwischen gibt: Blogs, Wikis, Microblogging (Twitter), Photosharing, Social Bookmarks, Soziale Netzwerk-Profilseiten, … Immer sind es die kleinen und kleinsten Details, die zählen. Die Klicks. Die Aufmerksamkeits-Momente.

Wir alle sind immer noch sehr am Anfang, wenn es darum geht, das zu verstehen und richtig zu benutzen.