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(Weblernen und Netzwerk-Effekte live: in den letzten 3 Wochen habe ich enorm viel gelernt, im Web und durch das Web, über den Digital Gap, der sich in unserer Gesellschaft immer mehr öffnet. Hier eine kurze Zusammenfassung:)

Kinderpornographie im Internet: Das ist ein kompliziertes Thema, zugegeben. Komplizierter als es in eine Print-Anzeige für Mainstream-Medien passt, die Ulrike Reinhard und ich gerade geschrieben haben. Viel komplizierter als die schrecklich vereinfachenden Parolen, mit denen die BefürworterInnen des Gesetzes arbeiten.

Weiterführende Informationen sind im Netz: Hier erfährt man Genaueres darüber, um welche Webseiten es hier überhaupt geht, und wie man sie schnell und wirkungsvoll löschen kann, statt sie nur mit wirkungslosen "Stoppschildern" zu verstecken (vgl. auch hier). Dieser hervorragende Vortrag über "Internetsperren für Anfänger" (Webvideo, 60 min.), den der Internet-Experte Alvar Freude beim DGB-Bildungswerk gehalten hat, gibt eine sehr klare, nüchterne und leicht verständliche Darstellung der Zusammenhänge. Da kann man die ePetition gegen das Gesetz unterschreiben. Und hier ist eine Sammlung mit vielen weiteren Links zum Thema auf netzpolitik.org.

Die "alten Medien" sind weitgehend derselben Meinung: Hier ist z.B. ein Kommentar von Josef Joffe für DIE ZEIT,  hier ein TV-Beitrag aus der ARD-Sendung "Zapp" (Webvideo), hier wird erklärt, was es mit “Kinderpornographie” auf sich hat.

Warum die Aufregung?

Warum appellieren wir an die Öffentlichkeit, um das Gesetz für Stoppschilder gegen Kinderpornographie zu verhindern? Warum unsere Empörung, gerade wenn man das in Beziehung setzt zu den grauenhaften Verbrechen, um die es hier ja gehen soll?

Weil hier der demokratische Rechtsstaat sich wieder ein Stück weit selbst abschafft, nur um sich nicht mit den wirklich schlimmen und komplizierten Problemen auseinandersetzen zu müssen. Weil hier, um ein sinnloses und schädliches Gesetz durchzusetzen, eine Ministerin Horrorbilder gezielt beschwört, die den Kopf besetzen und das Denken blockieren (Video). Und weil hier die digitale Kluft in den Köpfen so erschreckend klar wird: Wie stark die deutsche Politik auf die alte Massenmedien-Symbolpolitik fixiert ist und wie wenig sie mit dem Internet anfangen kann. Und wie wenig sie überhaupt über das Internet und über das Web weiß.

Derzeit sind es etwa 100.000 Leute, die in 3 Wochen die Petition gegen das Gesetz unterschrieben haben. Keiner von ihnen will Kinderpornographie verharmlosen oder unterstützen. Ganz im Gegenteil: Die wirksamsten Aktionen und genauesten Informationen zu Kinderpornographie im Internet, die gegenwärtig zugänglich sind, kamen von den Gegnern des Gesetzes in den letzten Monaten. (Weder das Familienministerium noch das BKA scheinen gegen widerliche Webinhalte, deren Adressen seit längerem bekannt waren, bisher etwas Konkretes unternommen zu haben.)

Strukturwandel der Öffentlichkeit

Warum sind also fast alle gegen dieses Gesetz, die beruflich mit dem Internet zu tun haben oder sich täglich im Internet bewegen, übrigens auch unabhängig von der Parteizugehörigkeit?

Weil durch das vorgeschlagene Sperren- und Kontrollsystem ein Informations-Ökosystem schwer beschädigt wird, das wir dringend als Nährboden für die Erneuerung unserer Demokratie und unserer Wirtschaft brauchen. Das Internet ist kein Massenmedium, es ist ein System ohne Zentrum, in dem ständig Informationen zirkulieren und sich anreichern. Das hat die Mehrheit unserer PolitikerInnen (aller Parteien!) bisher nicht verstanden.

Die ganze Diskussion rund um die "Internetsperren gegen Kinderpornographie" zeigt uns ganz klar, wo wir in Deutschland mit dem Thema Internet stehen: Nämlich ganz am Anfang.

Es ist bis jetzt nur eine kleine Vorhut der Informationsgesellschaft, die sich intensiv mit Internet und seinen Folgen auseinandersetzt. Für die breite Masse der Bevölkerung ist das Internet immer noch "nur" ebay oder lastminute.de, online-banking oder hotel.de … und natürlich Wikipedia, damit die panischen Eltern ihren Kindern die Grundschul-Referate schreiben können.

Alles, was darüber hinaus geht, ist aus dieser Perspektive ein wilder, chaotischer Raum, voll von Viren, Porno, Terroristen und Kinderschändern. Bedrohlich und unkontrollierbar. Und das macht vielen erst einmal Angst. Auch wenn es keiner offen sagt. Diese Angst ist es, die Ursula von der Leyen schürt.

Die Zeit ist reif

Vermutlich wird das Internetsperren-Gesetz, mit mehr oder weniger kosmetischen Änderungen, verabschiedet werden. Hier geht es um Symbolpolitik für Wähler, die man als ahnungslose "Masse" behandelt, und auch darum, nicht das Gesicht zu verlieren.

Aber das eigentliche Thema bleibt ja. Es ist ja erst gerade losgegangen. Wann hat es das gegeben, dass binnen 4 Tagen 50.000 Unterschriften gegen einen Gesetzesentwurf gesammelt wurden und eine Online-Initiative es in alle klassischen Offline-Medien geschafft hat?

Wir finden es beeindruckend, welche Eigendynamik hier in wenigen Tagen entstanden ist. Wie das Thema aus dem engeren Kreis der "Netzgemeinde" übergesprungen ist auf alle, die sich im Web bewegen. Wie Links kursierten und in kurzer Zeit ein Netz von Informationen entstehen ließen, das viel komplexer, tiefgehender und vollständiger ist als alles, was man in den letzten Jahren in den alten Medien sehen, lesen und hören konnte. Wie durch schnelle Twitter-Statements knappe Dialoge unter wildfremden Menschen entstanden sind: hier zwischen CDU (@Stecki) und Piraten-Parteigängern (@InsideX), dort zwischen SPD-Basis und Mandatsträgern (#). Alles ist greifbar, hier und jetzt. Weitere aufschlussreiche Links habe ich hier gesammelt. Und es gibt Gutachten aus der Bundestags-Anhörung nebst Livestream, Vorträge von Internet-Experten, Stellungnahmen von Bundestags-Abgeordneten (hier Uhl/CSU), und viele, viele Wortmeldungen und Diskussionsbeiträge in Blogs, mit insgesamt gesehen erstaunlich hohem Niveau.

Das alles markiert einen Umschlagspunkt und eine neue Qualität: In 2009 hat sich zum ersten Mal eine deutsche Internet-Öffentlichkeit formiert. Der erste kleine Meilenstein auf dem Weg zu einer direkten digitalen Demokratie. Denn diese Gesellschaft ist gerade erst langsam dabei zu erkennen, dass die alte Idee von "Massenmedien" ebenso Geschichte wie die alten Ideen von zentralistischer "Organisation" und "Repräsentation".

Und es gibt keinen Grund zum Defaitismus. Es kann durchaus sein, dass dieser Marsch plötzlich ganz schnell geht – je nachdem, wie schnell die vor kurzem noch selbstverständlichen, scheinbar festbetonierten gesellschaftlichen Strukturen und Denkmuster zu Sand zerbröseln. Sie zeigen bereits wachsende Risse.

Der „Netzwerk-Effekt“: Was ist das? Wie fühlt sich Web-Feedback an? Und wie hat es mich vorwärts gebracht?

Jetzt also auch hier mein Aufruf für die 4. Ausgabe des WissensWert Blog Carnival (im Original dort). Bloggen, twittern, kommentieren!
(Wie geht das? Siehe unten.)

Was heißt das eigentlich: „vernetztes Wissen“ und „vernetztes Lernen“? Welche ganz konkreten Netzwerk-Erlebnisse stecken dahinter? Was passiert da genau, wenn aus dem Web ein Funken überspringt?

„Vernetzt“ ist ja längst einer dieser verbrauchten und verwaschenen BullshitBingo-Buzzwords, die wir alle im Mund führen ohne etwas Konkretes damit zu meinen: Irgendwie Internet halt, Neuronen im Hirn, Gschaftlhuberei mit e-Mail und Xing und StudiVZ.

Aber es stimmt doch: Man erlebt ja im Web und durch das Web wirklich völlig neue Netzwerk-Effekte. Es passiert ja wirklich immer wieder, dass plötzlich aus einer Bündelung loser Verbindungen, die für sich genommen gar nichts Besonderes sind, eine neue Qualität entsteht. Ein elektrisierender Impuls. Und danach ist da plötzlich eine Idee, ein Projekt oder eine ‚Community’, die es anders nie gegeben hätte. Was geschieht da, ganz konkret?

Hatten Sie solche Web-Urerlebnisse? Prägende Netzwerk-Erfahrungen? Was erzählen Sie, wenn Sie eine Vorstellung davon geben wollen, was das Besondere am Web ist? Wodurch entstehen solche Effekte, und (genauso interessant) wann entstehen sie eben nicht? Was muss gegeben sein, damit zwischen vorher isolierten Knotenpunkten auf einmal Strom fließt? Geht es hier mehr um vernetzte Ideen oder um vernetzte Personen? Welche Software begünstigt so etwas, und welche eher nicht? Oder geht Ihnen die ganze „Netzwerk“-Euphorie auf die Nerven? ….

Wenn Ihnen jetzt dazu irgendetwas einfällt, schreiben Sie es auf, schnell, spontan, provisorisch. Das Web 2.0 ist eine Party, ein anregendes Stimmengewirr. Bloggen Sie, twittern Sie, mailen Sie. In 140 Zeichen, in 5 Sätzen oder in ein paar Paragraphen.

Als Blogpost: Einen Link auf diesen Carnival-Aufruf setzen. Am besten dazu auch noch mailen oder twittern. Wenn Sie mögen, können Sie „WissensWert BlogCarnival #4“ im Titel einfügen. Als Kommentar: Schreiben Sie Ihre Gedanken oder Ihre Story unten als Kommentar, al fresco. Per Mail: Schicken Sie Ihren Text, wenn Sie selbst kein Blog haben. Via Twitter: Twittern Sie was Ihnen dazu einfällt. Dann aber bitte mit #wissenswert taggen, damit wir das mitbekommen. Mail: write2mlindner {at} googlemail.com

Dieser WissensWert Blog Carnival öffnet am 2. Mai und schließt am 30. Mai 2009. Gastgeber der 4. Ausgabe bin ich: Martin Lindner. Ich kommentiere die Links und die Ergebnisse jede Woche auf dem wissenswert-Blog und fasse Anfang Juni alles in einem Editorial zusammen.

Twittern oder Nicht-Twittern? Ist Twitter wichtig für Lernen? Wenn ja, warum? Hat es überhaupt irgendetwas mit Lernen zu tun? Kann oder soll man es in der Lehre als „Instrument“ einsetzen? Und natürlich die Urfrage: Wofür ist Twitter überhaupt gut? Die Antworten dazu in Kurzform: Twittern. Ja. Kompliziert. Hängt vom Begriff von „Lernen“ ab. Nein. Falsche Frage.

Twitter ist anders.

Das unscheinbare Twitter-Ding (so weit entfernt vom Mainstream-Phänomen wie der dt. Kanufahrer-Verband, Link repariert) ist deshalb so wichtig im Web, weil es eine neue Informations-Ökologie herstellt. Eine ganz neue Welt. Ein andere Art von „Netzwerk“, das eben nicht aus virtuellen Visitenkarten besteht (wie Xing) und einen nicht in einem künstlichen Raum mit vorgestanzter Sprache und Subkultur festhält (wie Facebook, von StudiVZ gar nicht zu reden).

Die Twitter-Welt ist auch ganz anders als die E-Mail-Welt, die Microsoft Office-Welt, die Instant Messaging-Welt, die Messageboard-Welt. Auch anders als die Browser-Welt. Sie ist auch anders als die SMS-Welt, obwohl es ja die 140 Zeichen von dort übernommen hat und obwohl die Stärke gerade ist (und v.a.sein wird), dass sie übergreifend funktioniert, auf PCs und auf Handys.

Twitter vernetzt anders. Es ist nicht „schon wieder ein neues soziales Netzwerk“. Nicht umsonst heißen die Kontakte „Followers“, nicht „Friends“. Das fühlt sich viel entspannter an als in anderen Social Software-Applikationen, wo das „Wer kennt wen“ im Mittelpunkt steht und Austausch erst auf dieser Grundlage erfolgt. Twitter bildet keine verbindliche soziale Struktur ab außer der losen Vernetzung derer, die sich mit halbem Ohr zuhören. Und weil jede/r anderen zuhört und keiner genau weiß, wem genau die anderen zuhören und auf wen sie reagieren, verfestigt sich das eben nicht zur „Clique“ (oder auch zum „Kurs“).

Twitter ist eine Wolke.

Twitterer „schicken“ sich nicht mehr „Botschaften“, sie „sind im Web“, auf eine ganz neue Weise. Beiläufig und radikal zugleich. Am ehesten vergleichbar mit schnellen mündlichen Nebenbei-Kommunikationen unter Leuten, die man mag und interessant findet. Stellen wir uns eine Party vor, auf der viele Leute wechselnde kleine Grüppchen bilden. Stellen wir uns vor, dass aus diesem großen Murmeln und Zwitschern Kernsätze für kurze Zeit sichtbar über den Köpfen aufleuchten (wie hier). Eine sich ständig verändernde Wolke aus nachhallenden Mikrotexten. Dann verblassen die, und neue erscheinen.

Und stellen wir uns vor, diese Party findet in einem „Smart Room“ statt (ein Lieblingskonzept der „Pervasive Computing“-Leute, Urtext hier). Also ein Abhörsystem nimmt einfach alles auf und speichert es wahllos. Wie die Stasi, wie Big Brother oder noch genauer: wie Andy Warhol („… and taping it all„). Und immer, wenn jemand etwas sagt, werden alte „Tweets“ (Zwitscherer, Mikro-Aussagen) kurz wieder aktualisiert. Ein Resonanzraum. Man kann auch nach alten Tweets suchen. Dann antwortet der Raum. Und so geht es immer weiter.

Und jetzt stellen wir uns das einmal konkret vor. Bei einer Party. In einer Disco. In einem Klassenzimmer. In einem Besprechungsraum. In einer Firma. In einem Partei-Hauptquartier. In einem Stadtviertel. Haben Sie das? Können Sie sich das vorstellen? So, und jetzt lassen Sie einfach den „realen“ Raum weg. Das ist dann Twitter.

MicroWeb

Twitter selbst ist kein Tool mehr. Es ist eine Plattform. Eigentlich sogar ein Web im Web. Vorgeschmack auf das, was nach dem alten Web 2.0 kommt. Das MicroWeb (#, #). Das LiveWeb (#,#). Ob Twitter nach dem Hype als Marke und Firma selbst bleiben wird oder nicht: das MicroWeb geht nicht mehr weg.

Die eigentlichen Tools sind die verschiedenen Twitter-Clients: Thwirl ist ganz anders als Tweetdeck. Die Handy-Applikation ist ganz anders als das Web-Interface, usw. Und dazu kommen die ganzen neuen Twitter Such- und Vernetzungsapplikationen, die Mash-ups. Das ist kein „Tool“ mehr, noch nicht einmal eine einzelne Applikation, sondern ein Bündel aus vielen Anwendungen, die alle mit diesem Rohstoff arbeiten: in die Luft gesprochener Mikrotext, der Wolken und Kettenreaktionen bildet.

Jede dritte (!) Web 2.0-Applikation in 2009 ist bislang ein Twitter-Derivat, hat der brilliante Markus Spath festgestellt, dem man auch auf netzwertig unbedingt folgen sollte.

Sage und schreibe: „Sprechen mit Text“.

Twitter ist wie eine offene, unendlich große Party. Nur dass die Kommunikation nicht mündlich ist, sondern buchstäblich. Aber zugleich eben auch nicht schriftlich im gewohnten Sinn: “We’re not writing, we’re speaking with text” (Erica Hall, hier zitiert). Und das macht einen großen Unterschied.

Man schickt sich eben nicht “Botschaften”, man “veröffentlicht” Mikro-Statements. (Direct Messages in Twitter sind ein Sonderfall.) Man macht Aussagen und stellt sie in die große Wolke über den Köpfen. Trivial-Haikus, sozusagen, oder auch Alltags-Mikro-News. Das bedeutet einen entscheidenden Schritt weg vom eigenen Ich, anders als bei StudiVZ. Die „Personen“ sind hier genau das, was sie sagen. (Und was sie in den letzten 2 Monaten oder so gesagt haben.) Sie verändern sich dabei auch laufend.

Es geht also um Mikrotexte, nicht mehr um spontane “Ich-drück-mich-irgendwie-aus”-Sprache (wie in IM, wie in Social Platforms, wie sogar noch in manchen Tagebuch-Blogs). Mit dieser Selbstdistanzierung fühlen sich viele unwohl: Twitter-Begeisterte sind Literaten, ob sie es wissen oder nicht, und die Mehrzahl ist über 30. Viele sind sogar über 45 (wie ich).

Die Digital Natives dagegen? O Tempora. „Die Juchend von heute twittert nicht. Die chattet und simst bloß.“

Twitter in der Lehre?

Twitter-Schulung wäre entscheidend für “digital literacy”. (Ich weiß nie, wie man das deutsch übersetzt?) Aber Twitter ist sicher kein „Instrument“ für „Lehre“ als „Vermittlung von Stoff“. Man kann sich allerdings fragen, ob „Vermittlung von Stoff“ nicht eh eine tote Metapher ist, die zu einer versunkenen Medien-Welt gehört.

Was bedeutet es also, wenn man Twitter in Lern-Szenarien „einsetzt“ (hier, Kommentare lesen!). Das bedeutet, damit experimentieren zu lassen, wie das ist, wenn in einer Wolke aus schnellen Mikro-Texten ständig kleine und kleinste Impulse sich ereignen, sich anstoßen, und dabei kleine Kettenreaktionen ablaufen. Das erzeugt eine allgemeine Atmosphäre, in der Kommunikationen und Ideen passieren können.

Und das wirkliche Leben?

Ich behaupte: Twitterer haben im Vorher/Nachher-Vergleich mehr „wirkliche“ soziale Kontakte, nicht weniger. Auch im Meatspace. Vielleicht telefonieren sie weniger.

Kann man andere Microblogging-Plattformen verwenden?

Im Prinzip ja. Erfahrungsgemäß bisher eher nein. (Schwierige Frage, die einen eigenen Blogpost braucht.) Wichtig: Das radikal Offene, das Beiläufige, das Spielerische, das Durcheinander, das muss alles erhalten bleiben, damit das Ökosystem funktioniert. Jedes neue Feature kann ein Feature zu viel sein. Bis jetzt hat Twitter selbst, also das Original, die Balance am idealsten erwischt.

>> vgl. auch meine kurze Einführung zu „Mikrolernen“ (downloadbar)

Selbstlerner sind arme Schweine. Nichtlernen ist in unserer Gesellschaft ja ein eingefleischter Reflex, wie Alkoholismus. Unser Bildungssystem baut auf Fremdlernen auf: „Hier bekommen Sie gelernt.“ Das hat Folgen, die jeder von uns spürt, und eben nicht nur die armen PISA-Verlierer.

Gedankenspiel: Was wäre, wenn wir uns in Online-Selbsthilfe-Communities organisieren würden? Wenn wir uns als Anonyme Nichtlerner begreifen, wie die Anonymen Alkoholiker, deren Graswurzel-Regelwerk (12 Traditionen) übrigens hochsympathisch ist? (Und hier sind AA-Comics von 1970.) Wenn man das Pathos einfach selbstironisch übernimmt? Dann käme in etwa Folgendes heraus:

Präambel:

Wir wollen Vieles lernen, und lernen am Ende doch weniger als wir hoffen und wollen.

Wir investieren viel Zeit und Geld in formale Bildung und Weiterbildung und sind am Ende doch immer enttäuscht, wie wenig uns das nützt.

Wir finden Vieles faszinierend, aber allein kommen wir schlecht weiter. Ständig verlieren wir den Faden.

Als Nicht-LernerInnen sind wir isoliert und verwirrt. Wir sind in der Gruppe, weil wir uns gegenseitig helfen wollen, die eigene Isolation und Verwirrung zu überwinden.

Wir wollen lernen, aber nach unseren eigenen Bedingungen, nach unseren eigenen Bedürfnissen.

Dafür stehen die 10 Traditionen der Anonymen Nichtlerner:

1. Die Gruppe besteht aus Kommunikationen. Die Gruppe ist ein Lebewesen. Ein lernendes Netzwerk. Wenn die Gruppe am besten lernt, lernt auch jede/r einzelne am besten.

2. Sei enthusiastisch. Sei freundlich. Sprich und schreib immer mit deiner eigenen Stimme: entspannt, direkt.

3. In der Online-Gruppe verwenden wir grundsätzlich Nicknames,ob wir uns ‚draußen‘ kennen oder nicht. Sie geben uns die Freiheit, dumm dazustehen.

4. Frag dich bei jeder Gruppenkommunikation: Was ist der einfachste nächste Schritt, der jetzt gerade gehen könnte (gedanklich oder als Arbeitsschritt)? Wie bringe ich unser Lernprojekt hier nach vorn mit dem, was ich jetzt sage/schreibe/tue?

5. Ideen darf man immer einfach hinschreiben. Trau dich, offen und abseits der üblichen Pfade zu denken. Sei spontan, hab keine Angst vor Irrtum. Keine Rechtfertigung dafür nötig.

6. Wir sind jetzt ein Team mit einem gemeinsamen Projekt, das täglich in einem gemeinsamen (Web-)Arbeitsraum arbeitet – immer solidarisch nebeneinander, so oft es geht miteinander.

7. Versuche, an 5 von 7 Wochentagen Lebenszeichen zu twittern, die sich auf das gemeinsame Lernprojekt beziehen: Jammer- und Freudenlaute, flüchtige Gedanken, Links, Ermutigungen, freundliche Kritik … was immer.

8. Bezieh dich auf die anderen. Verwende Links zu Gruppen-Statements und Gruppen-Inhalten, so oft es irgendwie geht.

9. Das Netzwerk ist der Mehrwert. Niemand ist der Boss. Wir übernehmen reihum und abwechslend die Gruppenfunktionen.

10. Das Ziel der Gruppe ist es, am Ende ein gemeinsames, greifbares, öffentliches Stück Wissen hergestellt zu haben. —

So, und jetzt noch die 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker lesen:

„2. Schritt
Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.“

Das wäre dann ja wohl das Web. Die Cloud. Amen.

Oh, die berühmten Digital Natives. Ich bin ja, wie ich immer und immer wieder betone, Digital Immigrant. Fast schon Silver Surfer. Seit 1999, wegen dem iMac. Ganz kurz bevor Ende 2000 Google den deutschen Mainstream erwischte. (Und aus unerfindlichen Gründen drang es damals sofort zu mir durch, dem Newbie und DigitalDepp ohne Geek-Freunde, dass das von jetzt an *die* Suchmaschine war.) Die Digital Natives also. Kompliziertes BlogCarnival-Thema.

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(1) Die Digital Natives gibt es nicht.

Es ist einfach nicht wahr, dass die junge(n) Generation(en) souveräner mit dem Web und mit digitalen Medien umgehen. Vermutlich gibt es so etwas wie eine Gaming Generation, aber das ist nicht dasselbe. Sehr viele der mir bekannten Leute, die besonders gut im Web unterwegs sind, sind in der Mehrzahl über 40, und ausnahmslose alle haben eine auffallend starke Text-und-Sprach-Kompetenz. Sie sind vermutlich gerade deshalb gut, WEIL sie an der Schnittstelle zweier Kulturen stehen. Kultureller Reichtum entsteht immer da, wo Kulturen aufeinanderprallen. Wo übersetzt werden muss.

(Übrigens gibt es eine signifikante Korrelation zur Gruppe der Leute, die durch die Schule der Popkultur gegangen sind. Auch die mir bekannten Professoren für Religionsgeschichte und Großstadtbürgermeister, die das Web können, sind durchwegs und immer noch Pop-Enthusiasten.)

Das Web besteht zuerst aus Worten, und es ist das Medium der Leute, die Spass an Worten haben. Die anderen benutzen es auch, aber sie sind nicht sicher darin. Ich schätze mal, dass maximal 20% aus jeder (!) beliebigen Bevölkerungsgruppe sich im Web wie ein Fisch im Wasser fühlen. (Auch bei den weniger Gebildeten, bei denen es sehr wohl Sprachkompetenz gibt.) Das ist dann „Digital Literacy“ (kein deutsches Wort dafür).

Und dann gibt es noch so was wie „Digital Fluency“, das heißt, sich manuell und navigationstechnisch sicher fühlen. Einfach herumprobieren und schnell die richtigen Knöpfe finden, ohne verwirrt und überwältigt zu sein. Das gibt es bei denen, die viel Routine mit solchen Maschinen haben, also vermutlich mehr bei den Jüngeren. Ist aber eine Sache der Routine, nicht des Alters.

(2) Natürlich gibt es Digital Natives.

Es kann einem ja keiner erzählen, dass das nichts ausmacht, wenn an die Stelle der Bücher in spärlich ausgestatteten öffentlichen Bibliotheken und Wohnzimmerregalen auf einmal das Web tritt. Der Einfluss dringt durch alle Poren herein.

Meine Tochter ist gerade 12, fanatische Leserin und erklärte Technik-Skeptikerin, aber trotzdem bewegt sie sich, wenn sie will, im Web wie ein Fisch im Wasser. Ohne besondere Einweisung, ohne Freunde, die es ihr zeigen. Keine Ahnung, wie solche Fähigkeiten „in der Luft liegen“ können, aber es sieht so aus. Sie konnte von Anfang an Pop-up Werbefenster intuitiv auf die einzige richtige Art zumachen. Als ich sie aber fragte, wie das bei den KlassenkameradInnen so ist, lachte sie und meinte, dass die zwar zu 99% auf der lokalen Chat-Plattform seien, aber insgesamt nicht besonders versiert im Web.

Das Web und die digitalen Medien machen etwas aus, kein Zweifel. Es ist ja wahr, dass das Web notwendig herkömmliche Autoritäten und festverdrahtete Strukturen zersetzt und mächtige Firmenportale zu Staub zerbröseln lässt, so so wie es auch alle Bücher und Dokumente shreddert, in Ausrisse von Paragraphenlänge. Und die Aufmerksamkeitsspannen in viele kleine Mikro-Spannen zerlegt. An die Stelle von angestrengter Konzentration treten (offener als früher) Kettenreaktionen. Das ändert etwas im Kopf.

(3) Also was jetzt? Zur Unternehmenspraxis.

Es sind mehrere Tendenzen, die sich hier begegnen. Erstens: Die in Beton gegossenen Makrostrukturen der Organisationen weichen von innen her auf. Die digitalen Ignoranten im Management sind sich selbst ihrer Sache nicht mehr sicher und strahlen das auch aus. (Das hat noch gar nichts mit „Digital Natives“ zu tun, sondern v.a. mit der Flat World der globalisierten Info-Ökonomie.) Zweitens: Die digitalen Medien, und da wieder besonders das Web zusammen mit den Handys, verändern die alte Bürokultur, die knapp 30 Jahre im papierenen Fax-Zeitalter verharrte: Siemens Telefonanlagen, Rank Xerox Photokopierer, Microsoft Office Files, die permanent ausgedruckt wurden und dann gleich wieder zu vielen feinen Streifen zerschnitzelt. Die Digital Natives sind eher Objekte dieser Entwicklung, nicht Ursache und Treiber.

Und wie ist das jetzt, drittens, mit der „Net Generation“, der „zugeschrieben [wird], dass sie eher kooperativ arbeiten, offener eigene Erfahrungen kommunizieren und extensiv Technologien zur Vernetzung nutzen“? Hm. Jein. Sagen wir so: Es gibt ein Vakuum durch die Tatsache, dass die alte Art zu arbeiten, zu kommunizieren und sich zu verdrahten im Niedergang ist. Das alte Betriebssystem im Kopf ist nicht mehr installiert, und das neue Betriebssystem („Web as a Platform“) ist noch nicht richtig im Laufen. So gesehen sind die Digital Natives vermutlich offener. Aber dass sie alle diese großartigen Werte konsequenter vertreten, alle nötigen Skills besser beherrschen: bis jetzt eher nicht. Manche können das ganz großartig, aber das ist der Prozentsatz der Hochbegabten, den es in jeder Generation gibt. Sehr viele sind im Gegenteil bislang eher „Digital Illiterates“, vermutlich weil es niemand gibt, bei dem man sich Praktiken abschauen kann.

Vielleicht, wahrscheinlich sogar, wird sich das in der Generation meiner Tochter ändern. Kulturtechniken entstehen durch gemeinsame Praxis von allen. Bis dahin gibt es aber noch viel Arbeit für uns Immigranten, die als digitale Tellerwäscher angefangen haben.

Seit dem Wochenende gibt es ein Wiki, das ein deutschsprachiges Gegenstück zur „Hacking Education“-Tagung entwickeln soll: http://wwweblern.pbwiki.com Eine selbstorganisierende Konferenz sozusagen, die Mitte Oktober stattfinden soll. Jede/r ist aufgerufen, Ideen und Namen beizusteuern. Die spontane Resonanz innerhalb von 12 Stunden war erstaunlich groß. Was ist der Hintergrund?

Vor einem Monat trafen sich in New York ca. 30 Leute zur Tagung „Hacking Education„. Eingeladen hatte der Start-up-Finanzinvestor („venture capitalist“) und Blogger Fred Wilson. Gekommen waren Gründer von software-getriebenen Weblern-Firmen und ein paar kreative Weblern-Experten und Lerntheoretiker von den Universitäten. Eine geschlossene Diskussionsveranstaltung, acht Stunden lang. (Die Themen sind hier.)

Die Kernsätze wurden via Twitter sofort ins Web gestellt, in Echtzeit, versehen mit dem Kennwort #hackedu (hier kann man alle nachlesen), und sie hatten dort sofort eine enorme Resonanz. Als ob alle darauf gewartet hätten, dass man sich von den gewohnten Bildungs-Diskursen endlich einmal löst und sich unvoreingenommen und radikal fragt, was das bedeutet: „Bildung im Zeitalter des Web“. Seitdem kursieren im Web eine ganze Reihe von Thesen und Kernsätzen, alle nicht länger als 140 Zeichen … Das Transkript der Diskussionen soll bald veröffentlicht werden.

Wieso „Hacking“? Kann das auch etwas Positives sein?

Wenn „Hacken“ so gebraucht wird, wie das OpenSource-Programmierer und MIT-Studenten seit langem tun, bedeutet es: Kreative, unkonventionelle, technisch versierte und lose vernetzte „Einzelkämpfer“ funktionieren spielerisch ein vorhandenes kompliziertes und geschlossenes System für eigene Zwecke um. Das System wird geöffnet. Seine Kraftquellen werden angezapft, die Möglichkeiten anders genutzt als vorgeschrieben.

Dabei setzen „Hacker“ möglichst einfache Mittel so geschickt ein, dass sie maximale Wirkung erzeugen. In diesem Sinn hat etwa Tim Berners-Lee mit der Erfindung des World Wide Web, eigentlich ein Bündel relativ simpler Protokolle und Technologien, das große Internet „gehackt“. In diesem Sinn ist Linus Torvalds, der Inspirator von Linux, ein „Hacker“. Ward Cunningham, Erfinder des Wiki, ist ebenso Hacker, wie Dave Winer, der Blog- und Feed-Pionier. Und natürlich Biz Stone und Evan Wlliams, die zuerst 1999 „Blogger“ und dann 2006 „Twitter“ eher bastelten als im herkömmlichen Sinn der großtechnischen IT „entwickelten“.

Im Mittelpunkt des „Hacker Ethos“ [hier ist ein Zitat] steht – ein bisschen verschwommen, aber doch gut erkennbar – der freie, selbstbestimmte, kreative, spielerische und unternehmungslustige Einzelmensch. Eher nicht Kapitalisten, deren Lebensinhalt Geld ist, sondern Leute, die ihr Hobby wie einen Beruf betreiben. Oder umgekehrt. Die „Web 2.0 Venture Capitalists“ wie Fred Wilson oder Paul Graham sind dann Leute, die ihr kapitalistisches Know-how einsetzen, um solche Start-ups zu fördern. (Das wird ohnehin das Resultat der KRISE sein: Viel mehr kleine, vogelfreie, knapp bezahlte Aktivitäten, aber die dafür mit Überzeugung und stark vernetzt [#].)

Das ganze „Web 2.0“ wird von diesem Hacker-Geist getragen und getrieben. Begriff und dahinterstehende Haltung lassen sich leicht auch auf Inhalte übertragen: Blogger und Microblogger „hacken die Medien“, d.h. sie funktionieren das Mediensystem um.

Was also heißt dann „Hacking Education“, die Bildung hacken? Es bedeutet eine radikal andere sPerspektive, die/den einzelne/n LernerIn radikal in den Mittelpunkt stellt. Nicht den Nutzen, den sich das System vom Lernen/Lehren verspricht, nicht die Perspektive der Lehrenden, sondern „die Nutzer“ selbst. Genau so wie im Web immer schon die/der Einzelne im Zentrum steht: Die leere Google-Seite als Schnittstelle zum Weltwissen. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Eine unfassbare Revolution.

Die Bildung hacken: Tafel 2.0 und Web 2.0

(1) Das alte Bildungssystem „hacken“, das heißt seine eigenen Mittel besser zu kennen und zu beherrschen als das System selbst und es dann umzufunktionieren. Wie ein Hip-Hop-DJ den Plattenspieler umfunktioniert. Genau das passiert, wenn Lehrer eine Methode entwickeln („Lernen durch Lehren“, LdL), die Schüler nacheinander an die Tafel stellt und dann die ganze Stunde lang das Klassengespräch moderieren lässt. Die Lerntechnologie selbst ist hier alt: Klassenzimmer, Stuhlreihen, Tafel und Kreide. Aber diese Technologie wird „gehackt“: „Tafel 2.0“ sozusagen. Es ist daher völlig folgerichtig, dass diese Tafel-und-Kreide-Hacker sich jetzt gerade im Web (YouTube-Video) als ein sehr lebendiges und offenes Netzwerk organisiert haben. Obwohl sie im Unterricht erst einmal gar kein Web einsetzen. (Der Informatiker/Mathematiker Christian Spannagel, der im Video erzählt, ist eine treibende Kraft.)

(2) Und man kann die neuen Technologien, d.h. das bereits gehackte Web gezielt einsetzen, um das Bildungssystem umzufunktionieren. Wenn Universitätslehrer die offizielle Universitäts-IT umgehen und sich selbst Wikis einrichten (z.B. hier von Herbert Hrachovec) oder mit den Studenten auf öffentliche Blog-Plattformen ausweichen (wie Heinz Wittenbrink in Graz [#]). Und es geschieht auch dann, wenn das berufliche Weiterbildungssystem über das Web kurzgeschlossen wird. Die Programmierer machen das ja schon immer. Aber inzwischen man kann sich im Web eigentlich schon sehr viel besser das Wissen für einen MBA (Master of Business Adminstration) aneignen als in den teuren MBA-Studiengängen, die überall angeboten werden wie saures Bier. Das Problem ist dann natürlich das Zertifikat. Die Manager brauchen das, noch. In unserer Wirtschaft regiert immer noch die Streber-Mentalität. (Übrigens auch bei Google, wie gerade jetzt heiß diskutiert wird.) Ein guter Web-Programmierer braucht das nicht, er zeigt seine Projekte vor. Dagegen gibt es noch keine eingeführte Form, anderen zu zeigen, dass man ein „Web-MBA“ *ist*, d.h. nicht nur „gemacht hat“.

Vor vielen Jahrzehnten war die Schule das Web

Der Campus, der Schulhof, die Bibliothek, auch das bürgerliche Bücherregal der privilegierten Schüler: Das ist heute alles das Web. Ob es einem passt oder nicht. Und damit ändert sich auch dann alles, wenn man am bestehenden Bildungssystem gar nichts ändert. Die alte Hardware/Software für Lernen waren Gebäude, Flure, Räume mit eingebauter Blickrichtung, Stundenpläne, eine künstlich zugespitzte Aufspaltung in Experten und Nichtswisser. Und lange Zeit war dieses System bei allen offensichtlichen Mängeln (und Schüler und Studenten aller Generationen kannten die sehr gut) eine effektive Maschine. Es gab keine andere. Die einzig mögliche Technologie um Wissen zu formalisieren, zu verteilen und weiterzuentwickeln.

Für meinen Großvater, achter Sohn eines Oberpfälzer Bauern, war die Höhere Schule selbst so etwas wie das heute das Web: Zugang zum Weltwissen. Ein (wenn auch sehr unvollkommenes) Trainingscenter für Schreiben, Rechnen, Reden. Und ein Ort der Freiheit: Nicht arbeiten müssen bis man todmüde ins Bett fällt. (Die Netz-Infrastruktur dafür waren damals Elektrizität, die Telegraphie und das Eisenbahn-Netz.) Dafür wurden dann auch autoritäre, prügelnde Pauker in Kauf genommen.

Die damals brandneuen Reclam-Heftchen waren Google, die Studentenverbindung war das soziale Netzwerk. Für mein jugendliches Selbst war dann sehr viel später die Post-68er-Universität so etwas wie heute das Web: sehr freies Studieren, Suhrkamp-Taschenbücher, „Wohngemeinschaften“ und „Studentenkneipen“ für vernetztes „Diskutieren“, eine Bibliothek, in der man Bücher nach 15 Minuten bekam. In mancher Hinsicht ein Luxus: Es gab Zeit, es gab Geld, das Wissenssystem war geöffnet worden, aber die bürgerliche Bildung lieferte noch fossilen Brennstoff. Wenn man Glück hatte, konnte die Uni damals großartig sein. (Oft passierte aber auch gar nichts.) Es gab noch keine MultipleChoice-Prüfungen, die das geistige Vakuum ersetzen müssen. Eine vergangene Epoche.

Die Bildung hacken

Heute kann ich ganz gut Englisch, aber nur weil ich es nach ein paar Jahren im Web viel besser gelernt habe als in 9 Schuljahren. Lustigerweise auch viel besser reden, obwohl ich im Web nur lese und schreibe. Meine Wissensquellen sind fast nur englisch, auch die Bücher. Heute würde ich gern Mathematik können, weil ich gerne Programmieren können würde, aber ich habe in der Schule sehr wenig gelernt. Heute muss ich in gewisser Hinsicht auch ganz neu schreiben und lesen lernen, weil ich alles nur noch über den Bildschirm mache. (Worauf mich die Pop-Kultur der 1980er übrigens sehr viel besser vorbereitet hat als das Bildungssystem.)

Die Zeit der Schulen, Universitäten und Weiterbildungs-Institutionen wie wir sie kennen, ist vorbei. Nur die werden künftig Erfolg haben, die sich als Katalysator für Weblernen & Selbstlernen verstehen. Daneben bildet sich eine digitale Schattenwirtschaft heraus. Ein OpenSource-Bypass für das versteinerte Herz des Bildungssystems.

Das ist die Lage. Das ist die logische Entwicklung. Und das ist der konkrete Ausgangspunkt, um das einmal auch in Deutschland zu diskutieren, öffentlich im Web: Hacking Education. Die Bildung hacken. Auseinandernehmen, neu zusammensetzen, und mit kleinen Eingriffen umprogrammieren.

Das Projekt haben Basti Hirsch und ich am letzten Wochenende uns ausgedacht und angestoßen. Am Samstag waren wir noch zu zweit, am Sonntag haben wir das fast leere Wiki öffentlich gemacht, jetzt ist es schon eine kleine Community. Die spontane Resonanz war verblüffend. Es wird also irgendeine Veranstaltung geben, Mitte Oktober. Zugleich im Web und im Körper-und-Stimmen-Raum. Ich bin selbst gespannt, was das wird. Bleiben Sie dran.

Wann ist es in den Zeiten des Web 2.0 keine Geld-und Zeitverschwendung, ein CBT/WBT zu bauen? Als der Blog-Carnival kürzlich nach persönlichen e-Learning-Erfahrungen fragte (hier lesen!), habe ich spontan, aber tief empfunden geschrieben, dass „klassisches CBT-eLearning (vorgefertigte Klicktunnels und MultipleChoice-Tests)“ tot ist.

ele_smiley Ich habe in einem Kurs selbst gelernt, wie man so etwas erstellt, als zertifizierter “e-Learning Autor”, damals im Bubble-Jahr. Fast alle eLearning-Firmen, die ich auf der Learntec 2001 gesehen habe, sind inzwischen pleite. Ihr Angebot? Klicktunnels und LMS-Systeme. Wie sich so etwas dann aus der Sicht eines qualifizierten Mitar-beiters anfühlt, der Datenschutzregeln lernen muss, hat Horst-Dieter Bruhn (Kienbaum-Consultant) sehr lustig hier beschrieben.

Zu meiner allzu salonrevolutionären Bemerkung hat es sehr lesenswerte Kommentare aus den Schützengräben des eLearning gegeben (lesen!). Die Preisfrage ist ja tatsächlich: Unter welchen Voraussetzungen könnten CBTs/WBTs einen Sinn haben? Wie ist das bei Lernszenarien wie: “Steuerungsmöglichkeiten in einer Behörde durch Einführung der doppelten Buchführung” (#) und „6.500 Mitarbeiter müssen weltweit Anfang September die neuen Geldwäscherichtlinien kennenlernen, deren Prozesse bis Ende August beraten und implementiert wurden“ (#)?

Hier sind die Multiple Choice-Antworten dazu, die ich künftigen eLearning-Autoren-Kursen gern zur Verfügung stelle. Welche Punkte müssen erfüllt sein?

1. Der „Wissensstoff“ liegt selbst in programmierter Form, d.h. als Flowchart, vor und ist möglichst selbst auf Bildschirmen zuhause.

2. Der „Wissensstoff“ lässt sich in 10 Grundbegriffen und 10 einfachen Schritten ausdrücken. (Wenn es 15 sind, muss man schon zwei getrennte CBTs bauen.)

3. Die Nutzer fühlen sich tatsächlich selbst überfordert und sehnen sich und nach einem Gefühl von Orientierung und Kontrolle. Idealer Weise dient das sehr kurze CBT der Vorbereitung einer folgenden, intensiven Lernphase, in der man selbst etwas tut (Workshop und/oder kollaboratives Weblernen).

4. Man hat viel Geld und viel Zeit für die Entwicklung. Und sehr gute Interaktions-Designer und Informations-Architekten (das hieß früher „Didaktiker“), den Rat von erfahrenen Praktikern und einen sehr klaren Plan. Und gute Grafiker. Und Texter, die sehr gut und sehr knapp schreiben können. (Am ehesten habe ich gutes klassisches eLearning-Authoring bisher bei der britischen Firma Kineo gesehen. Dort auch viele freie Materialien: Weblernen zu eLearning-Authoring.)

5. Der „Wissenstoff“ soll, muss und kann sehr vielen Leuten in standardisierter Form vermittelt werden soll – entweder weil es sehr viele Lerner gleichzeitig gibt oder/und weil der Wissensstoff sich tatsächlich über mindestens 3 Jahre nicht verändert.

6. Das Klicktunnel-CBT ist genau dazu da, die Antworten für eine Klicktunnel-Prüfung auswendig zu lernen. Form=Inhalt. Für die armen Lerner-Hunde, die ein Zertifikat erwerben wollen und dafür mit Geld und Lebenszeit bezahlen. Das tun sie, solange irgendjemand solche Zertifikate nachfragt, von denen jeder eigentlich weiß, dass sie inhaltlich völlig wertlos sind. (Zum Beispiel: Die Prüfung zum Projektmanager.)

Und hier gehts zur Auflösung unserer Preisfrage, mit ein paar Gedanken, Beispielen und Links: >> mehr.