(In der TAZ vom 7.12.2011 etwas gekürzt unter dem Titel: Das Buch verdunstet in der Wolke“. Nachtrag: Jetzt gibts den Artikel doch noch online bei der taz, aber Diskussion geht nur hier.)

Tintenkiller

Eigentlich wurde die Gutenberg-Galaxis ja schon vor 50 Jahren für beendet erklärt, als das Fernsehen Leitmedium wurde. „Ein Abgrund öffnet sich zwischen der zurückgeblieben Welt der Klassenzimmer und der neuen Welt der elektronischen Medien zuhause“, schrieb Marshall McLuhan 1967. Das elektronische Zeitalter sei angebrochen: Fernsehen und elektronisch angetriebenen Print-Magazine liefern Bilder und „sekundäre Mündlichkeit“, der Computer (damals noch zimmergroß) prozessiert das Wissen. Information im Überfluss, gleichzeitig und für alle. Öffnung des Spielfelds, Verlust der Privilegien, Global Village.

Tatsächlich änderte sich dann in den Klassenzimmern aber gar nicht viel. Bis heute blieb es im Prinzip bei dem System, das sich Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit der industriell-bürokratischen Organisation herausgebildet hatte: Der Lehrer ist das Medium. Die Schule hat das Wissensmonopol. Wer nicht mitkommt, ist selber schuld.

1900 war diese Schule noch ein hochmodernes Medium. Mein Großvater wurde geboren als der siebte Sohn einer Oberpfälzer Bauernfamilie und starb als promovierter Leiter der lebensmittelchemischen Untersuchungsanstalt in München. Ein angesehener Bürger. Für ihn war die Schule der einzige Weg, Teil der industriellen Wissensgesellschaft zu werden. Ein Ort der Befreiung, trotz Prügel, Notenterror und Frontalunterricht.

Heute wird nicht mehr geschlagen, aber die Schule als Medienraum hat sich kaum verändert. Es ist gespenstisch. Ich selbst bin von 1966 bis 1978 zur Schule gegangen. Der heutige Unterricht meiner Tochter auf einem renommierten bayerischen Gymnasium gleicht bis ins Detail meiner damaligen Schulzeit. Als hätte man die Zeit eingefroren. Nur die neue Latein-Mode und Abiturfeiern mit Tanzkurs und Abendkleid hätten wir damals seltsam gefunden. Medienrevolution? Die gab es nur draußen in der Popkultur. In der Schule stellte man mit ebenso teuren wie erfolglosen „Sprachlaboren“ das Klassenzimmer um 1900 nach, nur noch rigider: jede/r SchülerIn abgekapselt, mit Mikrofon, Kopfhörer und zentralem Schaltpult für die einzelnen Kanäle.

Tatsächlich stammen die bis heute neuesten Schulmedien aus dieser Zeit: Overhead-Projektor und Fotokopierer. Das sind Lehrer-Medien. Und welche neuen Technologien gab es, die die Schüler ermächtigen? Nur den Tintenkiller (seit 1972). Immerhin, der wurde ständig verbessert: Meine Tochter killert ganze Seiten rückstandsfrei weg und schreibt sie neu. Damals bei uns war jede Korrektur noch eine Riesensauerei.

Verkehrte Welt: Heute liegt das Wissen draußen in der Luft. Mit einem Klick kann jede/r auf jeden Wissensbestand in Echtzeit zugreifen. Drinnen sind die Handys ausgeschaltet, damit die Schüler nicht mal eben googeln können, wie dieser Teil des Auges heißt, der der Akkomodation dient („Ciliarkörper“, sagt Wikipedia.) Hefte weg, Extemporale! Für immer Feuerzangenbowle.

(Weiter zu Teil 2.)

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