Benutz die Tools, dein Kopf wird folgen
Als Dr. phil. habil. der Literaturwissenschaft habe ich 40 Jahre meines Lebens an Schulen, Universitäten, Schreibtischen und in Bibliotheken verbracht. Aber als ich seit 2000 zuerst Google und dann das „Web 2.0“ am eigenen Leib miterlebte, wußte ich: Das ist es. So hätten sich Wissenskreisläufe, so hätte sich die Gemeinschaft der Wissenwollenden immer anfühlen sollen. Und niemand hat das geplant und didaktisch verantwortungsvoll festgelegt. Es ist das Design, das das Bewusstsein schafft: Software Design, User Experience Design, User-centered Design. Eine neue Kulturtechnik. (Es gibt nicht mal gute deutsche Ausdrücke dafür.)
Und gerade erst jetzt ist diese Technik reif für den Schul-Einsatz. Erst jetzt kann sie ein/e SchülerIn als direkte Verlängerung des eigenen Wissensdrangs benutzen. Erst jetzt braucht man keine „Computerräume“ mehr, erst jetzt richten keine Laptop-Bildschirme mehr Barrieren auf, die den Austausch behindern. Und erst jetzt gibt es Alternativen zur QWERTZ-Schriftlichkeit, die ja immer nur ganz Wenigen in Fleisch und Blut übergeht.
Seit kurzem gibt es vier elementare Technologien, vier digitale Tools, die sich gegenseitig ergänzen. Wenn man sie vernetzt und allen SchülerInnen in die Hand gibt, können sie Lern- und Wissensprozesse von Grund auf ändern:
Erstens ein Tablet-PC wie das iPad. (Für das gemeinsame Arbeiten im Internet-Modus: sammeln, anreichern, organisieren, remixen, eigene Objekte daraus machen, diese wieder teilen, usw.)
Zweitens ein kleines, mobiles Netz-Gerät wie das iPhone. (Für schnelle Schwarmkommunikation, für die Zirkulation von Mikro-Informationen und um an reale Orte und Dinge digitale Informationen zu heften.)
Drittens ein digitaler Stift mit Audio-Aufnahme wie der LiveScribe. (Schreiben mit der Hand, das weder „Hefteintrag“ noch nostalgische Kalligraphie ist. Ein magisches Gerät zum Mitnotieren, Aneignen, „visuellen Denken“. Eine Brücke zwischen analoger und digitaler Welt.)
Viertens ein eBook-Reader wie der Kindle. (Purer Text in schwarz-weiß, ohne Netz und Multimedia-Sperenzchen: konzentriertes Lesen, Markieren, Annotieren, Teilen von Stellen und Gedanken. Und nicht nur vorgefertigte „Schulbuchtexte“: Selbst Erarbeitetes wird mit einem Klick ins Buch-Format verwandelt.)
Zusammen kostet das derzeit (!) noch ca. 450 Euro pro SchülerIn und Jahr, bei Abschreibungsdauer von zwei Jahren und ohne Mengenrabatt. Dafür spart man sich: Fotokopien, Papier-Bücher, Beamer, Smartboards, Computerräume. Die Didaktik ist quasi eingebaut: Allein durch den Gebrauch entsteht aus diesem Tool-Bündel ein ganz neues Ökosystem. Flüssiges Lernen kristallisiert aus zu festem „Wissen“, das wieder verflüssigt wird – und wieder, und wieder.
Das ist so unaufhaltsam wie PC und E-Mail. Früher oder später wird dieser Kreislauf an die Stelle der alten, einsinnigen Medien treten, die bis jetzt die Schülerhirne prägen: Füller, Buch und Tintenkiller, fliegende Kopierzettel und die Lehrerstimme, die niemals schweigt. Nach der Schulaufgabe ist vor der Schulaufgabe. Jahre, Jahrzehnte lang. Und vier Wände, die eine Welt draußen halten, die sich derweil rasend schnell verändert.
(Ungekürzte Version des Papier-TAZ-Artikels vom 7.12.2011, der dort unter dem Titel „Das Buch verdunstet in der Wolke“ erschienen ist.)
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