World Wide Text

Trotzdem hatte McLuhan Recht. Die Medienkultur-Revolution brauchte ihre Zeit, bis sie endlich die Wissensspeicher öffnete und alle die kafkaesken Torwächter überflüssig machte, die da Unbefugten den Zutritt verwehren. Hauptgrund für diese Verzögerung ist, dass das wichtigste Medium des Wissens weiterhin Text bleibt: Fixierte Zeichen, abgelöst von den Urhebern und von der sinnlichen Wirklichkeit. Eine abstrakte Welt für sich. Daran hat sich in der digitalen Ära grundsätzlich nichts geändert. Und es dauerte eine Weile, bis auch der Text von der elektronischen Revolution ganz erfasst wurde.

Zuerst wurde Schrift-auf-Papier immer schneller und flüchtiger: Offsetdruck, Fotodruck, Kopien, elektronische Manuskripte, elektronischer Satz. Doch der eigentliche Einschnitt kam erst durch die Digitalisierung: PC, e-Mail, Web 2.0, iPhone. Die allgegenwärtige magische Seite, auf der jeder Textausschnitt sofort erscheinen kann. Und das „Read/Write Web“, wo jeder jeden Textschnipsel sofort öffentlich machen und verknüpfen kann.

Die Google-Galaxis shreddert alle starren Textblöcke. Das Wissen kommt in Fluss. Seitdem kann jede/r Texte finden, kopieren, bearbeiten, schreiben, verbreiten, teilen und kommentieren, jetzt und sofort. Ein Text-Universum, das nicht mehr aus Büchern und Aufsätzen besteht, sondern aus kurzen Paragraphen. Small pieces loosely joined.

Immer noch sind alfabetische Texte der Grundstoff, der alles zusammenhält. Auch Multimedia ist eingebettet in Buchstaben, Sätze, Texte. Und inzwischen bekommen selbst audiovisuelle Medien Textcharakter: Man kann sie in kleine Sequenzen zerlegen, beliebig ansteuern, wiederholen und kopieren. YouTube-Videos betrachtet man nicht mehr wie einen Kinofilm: Diese digitalen Bild-Sequenzen werden eher aktiv „gelesen“ als passiv rezipiert.

Das alles muss man lernen, um sich in der neuen Welt zu bewegen wie ein Fisch im Wasser. Vor 100, 150 Jahren leistete die Schule das, so gut es damals eben ging. Aber heute?

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