Lila Rosa im Shift-Blog greift ein hübsches Web-Video auf, das Ralf Appelt zum „Prinzip Baustelle“ gepostet hat:

„Das alte Prinzip, fertige Lehrgänge an einer Klasse bzw. einer Seminargruppe – mit einigen Anpassungszugeständnissen an die konkrete Gruppe – zu exekutieren, hat sich als untauglich erwiesen. Mit der Always-Beta-Erkenntnis können wir stattdessen die Lernenden an der Gestaltung ihrer Lernprozesse beteiligen. Die pädagogische Professionalität besteht dann … in der Organisation von Lernprozessen.“

Das stimmt überall, auch in Unternehmen. Wichtig ist hier auch der Einwand des gesunden Menschenverstands, den ein Lehrer im Kommentar vorbringt: „Diesen Fortschritt kann ich nicht erkennen. Ich mag fertige Produkte, ob beim Autokauf, bei Software oder im Unterricht. Schreiben wir einmal Beta-Diplomarbeiten, bauen Beta-Häuser oder liefern Beta-Mandeloperationen?“

Das ist ein Mißverständnis. Die Software, die noch nicht so gut funktioniert, dass man sie Normalnutzern zumutet, heißt „Alpha-Version“. (Das hat übrigens auch Lila Rosa verwechselt 😉 …)

Die „Beta-Version“, die dann 2005 zu einem Kernpunkt von TimO’Reillys berühmter Web 2.0-Definition wurde, ist die erste voll funktionsfähige Testversion, von der man annimmt, dass man sie aufgrund der Rückmeldungen noch laufend weiter verbessern wird. Und weil diese Rückkopplungsprozesse bei den neuen Web-Applikationen so dicht geworden sind, gab es auf einmal gar keine „fertigen“ Versionen mehr. Bei Mandeloperationen ist das übrigens durchaus ähnlich (aber von denen kommt man inzwischen sowieso mehr und mehr ab).

Aber der Kommentar bringt den Umbruch sehr gut auf den Punkt. Ja, es stimmt: Wissen wird kein „fertiges Produkt“ mehr sein (und in Wahrheit war es das noch nie). Wir werden uns Wissen nicht mehr als etwas vorstellen, das mit fertigen Autos vergleichbar ist. Ebensowenig wie die neue Permanent Beta-Web2.0-Software: Die funktioniert eben nicht mehr wie Microsoft Office, sondern baut gezielt menschliche Netzwerk-Interaktionen in die technologischen Prozesse ein, um Wissen ständig weiter zu filtern, zu verarbeiten, anzureichern und neu hervorzubringen.

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