Was von der Learntec 2009 in Erinnerung bleibt, sind die lustigen Widersprüche:

1. Das riesige leere Messegebäude, das aussieht wie eine 20er-Jahre-Zeppelin-Fabrik, gebaut von einem Avantgardisten der Neuen Sachlichkeit. Und darin ein recht klein gewordener Zeppelin. Die letzten Jahre war das ja immer leicht deprimierend gewesen, die leerlaufende Geschäftigkeit, die immer gleichen Leute, die immer gleichen Ideen. Die Abkapselung von der Welt draußen, wo eine digitale Revolution die Welt des Wissens und Lernes auf den Kopf stellt. Brave ergraute Männer in grauen Anzügen (ein paar Frauen dazwischen). Dieses Jahr wirkte das seltsamer Weise nicht deprimierend, sondern rührend und familiär. Eine entspannte Stimmung der Übriggebliebenen in der kleinen Zeppelin-Gondel. An die angelernten hohlen New Economy-Wichtigkeits-Posen der letzten Dekade glaubt jetzt endlich keiner mehr. Man könnte wieder bei Null anfangen.

Zeppelin

2. Sirka Laudon vom Otto-Versand, die ihre Callcenter-TelefonistInnen mit Events wie im TUI-Ferienhotel bei Laune hält, damit sie nicht so telefonieren, wie sich sich fühlen müssen in diesem seltsamen Job: Bestellungen aufnehmen, immer neu, und dabei sollen sie versuchen, menschliche Konversation zu machen, ohne zu klingen wie die Moderatoren beim 9Live-Gewinnspiel. Aus dem internen Brainstorm-Wettbewerb für neue, kreative Sätze: „Spendieren Sie mir Ihre Kundennummer?“ Und: „Ich bin schon ganz gespannt auf Ihre Bestellung!“ So weit, so deprimierend, würde man meinen. Aber selbst das wirkte eher rührend. Das wirklich Interessante ist nun, dass die Frau und ihre TUI-Event-Ideen gar nicht unsympathisch waren. Die waren nämlich tatsächlich „learner-centered“, und wenn ich in ihrem Callcenter wäre, würden sie vermutlich auch bei mir funktionieren. Die Angst vor dem abstrakten, technischen e-Learning (das vermutlich eher unattraktiv war) abbauen, indem alle ihre Erstklassler-Einschulung nachstellen, mit Schultüten und allem. Freiwillige Lunch&Learn-Veranstaltungen mit kontroversen Themen in der Mittagspause. Es war Kindergeburtstag, aber es war auch der Geist des „Web 2.0“, und sie hatte sich tatsächlich auch dazu viele richtige Gedanken gemacht. Das war das Verblüffende hier: Wie aus der hohlsten Spaßkultur der richtige, menschliche Ansatz für „Lernen“ logisch hervorgehen kann.

3. Das Web 2.0. Ja, wo war es eigentlich? Nirgends zu sehen. Nur manchmal in Nebensätzen. Natürlich kennen inzwischen alle irgendwie WikiBlogPodcast, aber nirgends wurde diskutiert, wie man so etwas als Lern-Ökologie zum Funktionieren bringt. „Web 2.0“ war hier ein nettes Feature, das man in große geschlossene Systeme einbaut. „Ja, bloggen kann man mit unserem LMS jetzt auch.“ Und es funktioniert garantiert nicht, weil es ja eigentlich nicht um Features geht, sondern um eine ganz neue Ökologie. Gar nichts erfährt man über den eigentlichen Stand der Dinge: das Web 2.0 der zweiten Generation, also die weltweite Diskussion um das „Personal Learning Environment“ (> PLÖ), das die ganzen vernetzten Lernprozesse erst in Zusammenhang bringt, mit Dashboard, RSS, Microblogging, Microsharing etc.

4. Am Schluss dann wieder die Diskussion über den Namen, die ja auch eine Diskussion über das Konzept ist. Soll man das überhaupt noch „e-Learning“ nennen? Und nicht einfach „Weiterbildung“, weil doch eigentlich die Technologie ja zweitrangig sei? Oder umgekehrt: Ist nicht gerade „Learntec“ eigentlich der gute und richtige Name, wie Winfried Sommer meinte, denn darum gehe es ja: Technologien, die Lernprozesse verändern, in Gang setzen oder behindern. (Beide Seiten haben Recht, und zugleich keine: Ja, man muss zum menschlichen Lerner zurück, gegen den Apparat, aber gerade die Web-Technologien bieten dafür die Mittel: Das Web 2.0 ist human. WBTs sind es nicht. Und die gute alte Weiterbildung, für die Technologie ein notwendiges Übel ist, ist ein Auslaufmodell, schon weil man sie sich so schlicht nicht mehr leisten kann.)

5. Die Learntec 2009: Das ist wie die Learntec 2008, 2007, 2006. „Wissen was es seit Jahren gibt“. Nämlich: Elektronische Weiterbildung mit klassischen Lehrer- und Lerner-Rollen, großen geschlossenen Systemen und einer ganz kleinen Prise Web-Aroma. Die Akteure haben graue Haare (wie ich selbst). Das Leben draußen, die sehr lebendige angelsächsische „Learning 2.0″-Bewegung gar, ist ganz weit weg. Das Web 2.0 auf der Learntec, das ist eine Person, und die heißt Jochen Robes.

6. Das Gute an der Learntec ist ja nicht das verzettelte Kongressprogramm und nicht die lustlose Messestand-Routine mit Hochglanzprospekten. Das Gute sind die Leute und ihre Geschichten. Je genauer sie aus dem Alltag erzählen, desto interessanter wird es. Je näher man den Lernern selbst kommt, je mehr man erfährt über die Spannung zwischen den Lehr-Apparaten und den Leuten, die wissen wollend auf ihren Bildschirm starren. Die Learntec ist genau da lebendig, wo sie ein Social Network ist. Warum gibt es das nicht? Facebook, mixxt, Ning, Twitter? Die deutschen Lerntechnologen regeln ja immer noch alles mit „Visitenkarten“ (so 19. Jahrhundert), mit Telefon und mit e-Mails, die anfangen mit „Sehr geehrter Herr Ypsilon“.

7. Die Learntec überlebt nur dann, wenn wissbegierige Jungstudenten und Ich-AGs und Leute, die in immer virtuelleren Teams arbeiten, Lust bekommen hinzugehen. All die Lerner und Wissenwoller da draußen, und in Wahrheit gehören ja auch die Profis selbst dazu. Wenn man wirklich spürt, dass jetzt! gerade! eine digitale Kulturrevolution stattfindet, wie Michael Scheuermann von der BASF das nannte.

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