Das chinesische Schriftzeichen für „Krise“, sagt Al Gore,  stehe zugleich für „Krise“ und „Chance“. Das erinnert natürlich sehr an die allgemeine Neigung von Management-Philosophen, „Weisheiten“ dadurch außer Kritik zu stellen, indem man sie wahlweise Chinesen, Tibetern oder einem Cree-Häuptling zuschreibt. Man braucht das gar nicht: Heyses Fremdwörtebuch von 1922 definiert „Krise“ als „die entscheidende Wendung einer Sache; bes. der Wendepunkt einer Krankheit, wo entweder ihre Kraft gebrochen wird oder das Leben gefährdet ist“. Man kann auch die Dramentheorie des Aristoteles heranziehen. Oder man liest in der Financial Times nach, die die managementtheoretischen Allgemeinplätze zu „Krise ist eine Chance“ bündig zusammenfasst.

Für das Bildungssystem sollte das im Grunde nichts Neues sein. Es ist ja immer in der Krise, wenn man es ernst nimmt. Lernen heißt, in der Krise sein. Aber jetzt scheint es doch, als sei ein Wendepunkt da: Die totale Krise zwingt dazu, die Dinge von außen zu betrachten. Wenn nirgends mehr „normales Funktionieren“ zu finden ist, nicht in Schule, Uni, Weiterbildung, dann hat es nicht viel Sinn, für viel Geld Beton abzudichten, damit es nicht mehr hineinregnet. Wir stehen bis zumHals im Wasser. Weitermachen ist keine Option.

Mit dem Web gibt es erstmals die Möglichkeit, sich die Welt des Wissens ohne Verschulung vorzustellen. Das ist so, weil es aus Kommunikation und aus Schrift besteht. Es saugt mit rasender Geschwindigkeit die Gutenberg Galaxis auf.

Wenn niemand mehr dem Arzt glaubt, der früher ein „Halbgott in Weiß“ war, weil alle sofort im Web nachschauen, dann ändert sich alles. Schulung, wie wir sie kennen, funktioniert nicht mehr, wenn die Ehrfurcht fehlt. Wenn niemand mehr glaubt, dass das Wissen als geheimer Gral in der Mitte der Institutionen verborgen ist, gehütet von weisen Autoritäten, die manchmal kurz den Schleier heben.
Dass die „Bildung boomt trotz weltweiter Krise“, wie es gerade auf der Online Educa hieß, beweist nicht das Gegenteil. Das ist eine Angstblüte: der Alterstrieb, der im Garten Pflanzen vor dem Verwelken noch einmal kurz und heftig aufblühen lässt.

Ja, die Menschen fangen aus lauter Angst zu büffeln an, lernen Latein und Wirtschaftschinesisch und häufen Zertifikate an. Daraus kann, wer keine Skrupel hat, zweifellos Geld machen, oder staatliche Angst-Milliarden in sein verkrustetes System umleiten. An der Krise selbst ändert das nichts.

Die Bildungs-Blase ist geplatzt. Ob wir wollen oder nicht: Wir werden ganz von vorn anfangen müssen, als Weblerner.

In der Google Galaxis ist der Mittelpunkt der Welt nicht mehr die Institution, sondern immer eine LernerIn, im Hier und jetzt, vor sich einen leeren Bildschirm. Eine Eingabe in das Suchfeld, und sie findet sich inmmitten einer unabsehbaren Wolke von Informationen und Wissen. Und wie weiter? Wir werden sehen …

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