Auf englisch wurde dafür der Begriff „Persönliche Lern-Umwelt“ geprägt (Personal Learning Environment, PLE). Auf deutsch nenne ich das PLÖ: Persönliches Lern-Ökosystem. Ein Ökosystem besteht aus einem relativ stabilen Gewebe von Wechselbeziehungen, einem gemeinsamen „Haushalt“ (griech. oikos), der die Lebewesen (hier: die „Nutzer“) und ihre unbelebte Umwelt (hier: die Medientechnologie) zusammenschließt. Und in diesem Haushalt gibt es Kreislauf-Prozesse, in denen ständig Stoff (hier: „Information“) weitergegeben und verwandelt wird .

Die besten Definitionen (auf Englisch) liefert laufend immer noch der Web-Entwickler Scott Wilson, der den Begriff 2005 in Umlauf brachte, in seinem Blog. (Ein großartiges einstündiges „Online Seminar“ dazu ist hier verlinkt.) Graham Attwell, ein Freund Wilsons, verfolgt die Idee in vielen blog posts und auch papers. Die deutsche Diskussion neigt schon wieder dazu, alles in die akademisch-abstrake Breite zu ziehen: Der deutsche Wikipedia-Artikel (link) ist in Ordnung (mit Links zu Attwell). Er ist nicht einmal sehr lang, aber schon wer das liest, hat hinterher keine Lust mehr, am eigenen PLÖ zu basteln. Noch schlimmer ist in dieser Hinsicht der PLE-Blogpost auf der abschreckend betitelten Seite http://www.mediendidaktik.de, obwohl da nichts Falsches steht (mit vielen Links).

Was ein PLÖ nicht ist:

1. Es ist eine persönliche, keine personalisierte Lern-Umgebung (VLE). Also kein LMS (Moodle, oder was auch immer), aromatisiert mit naturidentischen Web 2.0-Geschmacksstoffen (also ein bisschen eingebaute WikiBlogTags… ). „Persönlich“ heißt nämlich immer: kompromisslos „user-centred“. Der Mensch im Mittelpunkt, nicht das System. Und um sie/ihn herum alles, wozu sie/er Zugang hat, um sich Wissen zu holen: also auch der Notizblock, das Handy, was auch immer.

2. Es ist nicht beschränkt auf Technologie, aber Technologie spielt in der Web-Ära eine essenzielle Rolle. Der Mensch im Mittelpunkt des PLÖ ist ein User. Ein PLÖ, das nicht um den Webtop herum strukturiert ist, wird für immer weniger Menschen funktionieren.

Der wichtigste Unterschied zum LMS ist, dass es hier wirklich um individuelles Lernen geht. In LMS und VLE geht es ja eigentlich nicht um Lernen. Es geht noch nicht einmal um Lehren. Es geht um die Perspektive der Institution, die Lernen organisiert. Solche relativ geschlossenen LMS und VLE werden deshalb genau so weit akzeptiert, als sich die Nutzer mit der Institution selbst identifizieren. Und das tun sie vor allem dann, wenn es um exklusive Netzwerke und Zertifikate geht, mit denen man sich einen Vorsprung verschaffen kann.

Im einfachsten Fall besteht der digitale Teil eines PLÖ aus einem Browser und MS Word, aus Google und Wikipedia, einem festen „Lernportal“ und aus eMail, der primitivsten Form von Social Software. In der Ära des „Web 2.0“ lässt sich das inzwischen fast beliebig erweitern: mit Blogs und Wikis, mit Microblogging, mit Notiz- und Clip-Services, mit Google Docs, mit Tagging/Bookmarking, mit sozialer Software aller Art, mit allen möglichen Filtern für RSS Feeds …

Das ist großartig, und das ist zugleich auch das Problem. Denn mit diesen enormen Möglichkeiten ist bis jetzt fast jede/r überfordert. Das Web 2.0 hat einen großen Fortschritt gebracht, hin zu intuitiveren Software-Anwendungen, die man einfach öffnet, um etwas damit zu tun. Aber immer noch ist das Meiste für Normalnutzer zu verwirrend, zu exotisch und zu technisch.

Kaum jemand hat es bisher geschafft, sich ein persönliches Lern-Ökosystem so maßzuschneidern, dass es sich wirklich organisch den eigenen Bedürfnissen anpasst. Und noch weniger ist es bisher gelungen, mehrere solcher PLÖs zu einem größeren Lern-Ökosystem zu verbinden, zu einem sozialen Gewebe, dass mächtiger ist als die Summe seiner Teile. Also das, was früher einmal, im Gutenberg-Zeitalter, die Schule und die Universität wenigstens zeitweise erfolgreich geleistet haben.

Die aktuelle Herausforderung ist also die Quadratur des Kreises: Wie kann man PLÖs gezielt designen, ohne dass doch wieder ein LMS/VLE herauskommt? Wie kann man Prototypen herstellen, die verschiedenste Lerner leicht übernehmen und anpassen können?

Advertisements