Was bedeutet die Große Krise für das Lernen im Web? Worauf muss man sich einstellen? Wird alles schlimmer oder gibt es neue Chancen?

Die Antwort ist natürlich ein entschiedenes Sowohl-als-auch. Es gibt hier zwei grundverschiedene Perspektiven, wie ganz generell beim Lernen mit digitalen vernetzen Medien: die Top-down-Perspektive der Bildungs-Institutionen und die Graswurzel-Perspektive der Leute, die gerade „im Web“ sind, für sich, vor dem Bildschirm.

1. Die schlechte Nachricht: Weniger Budget für kreativen Freiraum in größeren Organisationen

Aus der Sicht der Institutionen und Organisationen, die Bildung im weitesten Sinn planen und verwalten, bedeutet die Krise, dass das Geld knapp wird. Noch knapper. Und der Reflex darauf ist immer der gleiche: Man zieht sich zurück auf das „Kerngeschäft“, und das heißt eben nicht Innovation, Umbau, flexible Anpassung, sondern immer den defensiven Rückzug auf die Erhaltung des eingefahrenen Systems. (Und daran ändern auch ebenso gutgemeinte wie langatmige Appelle an das Bildungsmanagement wie der hier im Checkpoint e-Learning nichts.)

Es wird also noch weniger Budget und noch weniger Freiraum für wirklich neue Projekte geben. Die ohnehin kleinen kreativen Nischen in den Organisationen (Größere und mittlere Unternehmen, Universitäten, Schulen …) werden noch enger. Die böse Außenwelt, und das ist hierzulande vor allem das Wild Wild Web, muss draußen bleiben. Alles, was irgendwie „Web 2.0“ ist, gilt ja als unsolide, als potenzielle Gefährdung, bestenfalls als kreative Spinnerei und „nice to have“. (Übrigens nicht ganz unverständlich: Noch radikaler als anderswo teilen sich im deutschsprachigen Raum die Web-Protagonisten auf in Leute mit Werbeagentur-Mentalität und selbstgenügsame Nischenkultur-Vertreter.)

Das bedeutet also konkret: Es wird (noch) weniger offizielle Investitionen ins Weblernen geben. Der Kampf um die Ressourcen wird noch härter, die herkömmlichen Strukturen für Weiterbildung, Bildung und Lernen werden noch zäher verteidigt. Nicht nur aus finanziellen, auch aus sozialpsychologischen Gründen: Wer um seine Existenzberechtigung kämpft, kann noch weniger als früher zugeben, dass die alten Formen nicht funktionieren, dass die in den letzten 10 Jahren getätigten Investitionen ein Schuss in den Ofen waren.

Krisen führen ja nie dazu, dass alte Organisationen mutiger werden. In der Regel macht man so lange weiter, bis gar nichts mehr geht: wie die Autoindustrie, wie die Parteipolitik. Und wie eben alle im Bildungssystem. Es wird sehr viel Reform-Gerede geben, aber in der Praxis wird man – wie bisher – noch weniger tun.

Und wenn alle sich darauf konzentrieren, bloß nicht gefeuert zu werden, bedeutet das auch für die wenigen Kreativen in den Organisationen nichts Gutes: Mindestens wird es immer schwerer, positive Energie zu entwickeln.

Ein Klima der Angst – das heißt für alle Systeme der Bildung, Ausbildung und Fortbildung auch: Der alte Apparat wird eher noch wachsen. Je fragwürdiger das alte Wissen wird, desto mehr wird geprüft und zertifiziert. Desto mehr wird Bildung zu einem leeren Mechanismus, der nur noch der Abgrenzung „nach unten“ dient.

2. Die gute Nachricht: Die Leute werden ins Web emigrieren

Aber es heißt doch in jedem Leitartikel und in jedem MBA-Seminar, dass eine Krise „neue Chancen“ bietet. Wurden nicht Microsoft, Apple, Oracle und Dell in Zeiten einer schweren Wirtschaftskrise gegründet? Hatte nicht Google gerade nach dem Platzen der Bubble Erfolg? Wächst nicht gerade in Krisenzeiten die Offenheit für radikal neue („disruptive“) Technologien, jedenfalls dann, wenn sie billiger und flexibler sind? (Siehe dazu hier.) Gilt das nicht auch für die neuen Technologien und Praktiken des „Lernen im Web“?

Ja, schon. Gerade weil die Organisationen und Institutionen noch verklemmter sein werden, wird die Unzufriedenheit der Leute wachsen. Gerade weil die persönliche Unsicherheit steigt, sind sie darauf angewiesen, sich an lebendige Informationskreisläufe und Wissensnetzwerke anzuschließen. Und die gibt es derzeit nur im Web. (Auch wenn sie im traditionell verspäteten deutschsprachigen Web gerade erst entstehen.)

Viele werden aus Not ins Web gehen: Es ist schlicht die billigste und direkteste Möglichkeit, über den Tellerrand zu schauen, sich neu zu orientieren und – im besten Fall – sich selbst neu zu erfinden. Das Web ist der natürliche Lebensraum der „Ich AGs“. Es bleibt ja überhaupt nichts anderes übrig als zu lernen, lebenslang, und das geht derzeit nur im Web, als „informal learning“ (im Sinne von Jay Cross und Teemu Arina) .

Aber es gibt auch positive Gründe. Noch mehr als bisher werden ins Web gehen, weil dort an den richtigen Orten die energische Aufbruchsstimmung herrscht, die in der großen Depression des „First Life“ niemand mehr spürt. (Es ist ja kein Zufall, dass die Obama-Kampagne entscheidend vom Web getrieben wurde, während deutsche Politik in der Ära Merkel in Partei-Seilschaften gemacht wird, die sich ständig SMS unter dem Kabinettstisch schreiben.)

Im Web bildet sich gerade eine Parallelwelt heraus. Ganz unspektakulär, ohne virtuellen Hightech-Schnickschnack. Und übrigens, trotz aller Multimedialität: Zusammengehalten wird diese Welt mehr denn je von Text. Buchstaben auf hellem Grund.

Es wird also zweifellos immer mehr und immer weitreichendere Experimente mit neuen digitalen Praktiken und Technologien geben, auch und gerade, was Lernen und Wissen im Web betrifft. Die Frage ist nur, ob diese geistigen Perspektiven auch finanzielle Chancen bedeuten. Und da ist die Antwort: Eher nicht, und wenn, dann auf niedrigem Niveau. Aber das ist ja nichts Neues für die Generationen, die seit langem gezwungen sind, sich in prekären Verhältnissen einzurichten.

Immerhin: In fünf Jahren wird sich das Bildungssystem (Bildung, Weiterbildung, Ausbildung, Corporate Training) bereits grundlegend verändert haben. Das ist eine schleichende Revolution, ein digitaler Klimawandel: Die Zirkulation wird schneller, die Temperatur steigt, und damit auch die digitale Flut. Und irgendwann werden die alten, erstarrten, rissigen Fassaden da draußen einfach leise wegbröseln. Und vielleicht ist es ja wirklich so, dass dann die Zeit der kleinen geilen Firmen anbricht, die sich in der Garage vorbereitet haben.

„Lernen im Web“ also – wo sonst? Fangen wir an.

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